Freilauf, Freiwild, freie Landschaft

Hier kommt der obligatorische Beitrag zur Brut- und Setzzeit, der damit verbundenen Anleinpflicht in Niedersachsen – und den mit dem Leinenzwang verbundenen Anfeindungen gegenüber Hundemenschen, die ihre Hunde trotzdem frei laufen lassen.

Dass in Niedersachsen – anders als in fast allen anderen Ländern – Hunde in der gesamten freien Landschaft vom 1. April bis zum 15. Juli angeleint bleiben müssen, verlangt das Niedersächsische Gesetz über den Wald und die Landschaftsordnung (§ 33 NWaldG). Ich will heute aber nicht über den Irrsinn dieses Gesetzes schreiben, sondern darüber, dass es mich ärgert, wenn Hundemenschen jetzt wieder dreieinhalb Monate lang wie Freiwild behandelt werden.

Ich bin es so sehr leid, mich anfeinden zu lassen, weil mein behinderter Hund nicht an der Leine läuft, dass ich Fizz seit dem 1. April wieder an die Leine nehme, wenn ich Menschen begegne. Dabei habe ich immer den Brief dabei, der ihr attestiert, dass sie wegen ihrer körperlichen Einschränkungen nicht an der Leine geführt werden sollte: 365 Tage im Jahr, überall. Dass Fizz ohnehin auch frei im Schleppleinenradius vor oder hinter mir läuft und zuverlässig kommt, wenn ich sie rufe, ist dabei selbstverständlich.

Das Niedersächsische Gesetz über den Wald und die Landschaftsordnung verlangt, dass Hunde in der gesamten freien Landschaft vom 1. April bis zum 15. Juli angeleint bleiben müssen.

Das Niedersächsische Gesetz über den Wald und die Landschaftsordnung verlangt, dass Hunde in der gesamten freien Landschaft vom 1. April bis zum 15. Juli angeleint bleiben müssen.

Alle Hunde brauchen die Möglichkeit zum freien Flitzen. Weder eine Flexi- noch eine Schleppleine bieten eine wirklich befriedigende Möglichkeit zum hundgerechten Freiflitz. Das sieht auch Britta Schumann so. Wie ich ärgert sie sich über den Leinenzwang, die Anfeindungen durch selbsternannte oder sogar echte Parkranger und Medien, die derlei Anfeindungen auch noch befeuern. Nachfolgend darf ich ihren Leserbrief an die Hannoversche Allgemeine Zeitung veröffentlichen.

„Nach Angaben der HAZ waren 2015 15.000 Hunde im Stadtgebiet Hannover und circa 45.000 Hunde in der Region Hannover gemeldet. Hundehaltung betrifft also keine gesellschaftliche Randgruppe, im Gegenteil. Hundehaltung ist ein ziemlich teures Vergnügen, neben den täglichen Bedürfnissen der Hunde müssen Steuer, Versicherung und Tierarztkosten bezahlt werden. Hinzu kommen das Training in der Hundeschule und die entsprechenden Prüfungen, die man macht, um legal in öffentlichen Grünanlagen ableinen zu dürfen. Warum tut man das dann?

Weil Hundehaltung Spaß macht, weil sie sich positiv auf Körper und Seele auswirkt, weil sie gesellig macht, um nur einige wesentliche Aspekte zu nennen. Es gibt inzwischen verlässliche und belastbare Daten dazu, wie sehr sich Hundehaltung positiv auf die Gesundheit auswirkt. Hundehaltung ist nicht nur normal, sie ist nach Meinung renommierter Wissenschaftler wie Prof. Kurt Kotrschal aus gesundheits- und gesellschaftspolitischer Sicht sogar förderungswürdig.

Voraussetzung ist allerdings, dass es dem Hund gut geht, dass eine artgerechte Haltung stattfindet und möglich ist. Dafür sind bei einem gesunden Hund täglich etwa zwei Stunden Freilauf außerhalb des eigenen Gartens erforderlich.

Im Gegensatz zu einigen anderen Städten sind in Hannover sogar Flächen für diesen Auslauf ausgewiesen. Das klingt doch erst mal prima, und ich kann gut verstehen, dass man sich als Nichthundehalter fragt, warum denn dann die Hunde trotzdem frei laufen, wo sie nicht sollten. Die Antwort: Die Freilaufflächen sind nicht als solche geeignet. Sie befinden sich bis auf wenige Ausnahmen an Standorten, die ich vor meiner Zeit als Hundehalterin niemals für Unternehmungen in meiner Freizeit gewählt hätte. Mit reichlich Wohlwollen könnte man formulieren, dass über die Hundehalter eine soziale Kontrolle von vernachlässigten Bereichen in den einzelnen Stadtteilen erreicht werden soll. Mit weniger Wohlwollen würde man über das Abschieben der Hundehalter in diese Bereiche nachdenken.

Machen Sie bitte den Selbstversuch! Schauen Sie sich die ausgewiesenen Freilaufflächen an! Beurteilen Sie bitte selbst die Qualität der Flächen nach ihrer Lage, ihrer Größe und nach ihrer Verkehrssicherheit insbesondere in Kombination mit den vorhandenen Radwegen. Und dann entscheiden Sie bitte, wie angenehm Ihnen der Aufenthalt auf diesen Flächen ist – dreieinhalb Monate lang, mindestens zwei Stunden täglich; und zwar nicht mit einem Buch in der Hand auf einer Parkbank, sondern aktiv in Bewegung, im Austausch und unter Beaufsichtigung eines oder mehrerer Hunde. Vielleicht erklärt sich Ihnen jetzt Ihre Frage, warum so viele Hundehalter, die sonst gesetzestreue Bürger sind, in der Brut- und Setzzeit vom 01.04. bis 15.07. jedes Jahres für ihren Hund Ordnungswidrigkeiten begehen.

Wenn dann eine angesehene und von vielen hochgeschätzte Zeitung wie die HAZ noch auf der Titelseite von Anleinpflicht „überall“ spricht und nur im Nachsatz zum entsprechenden Artikel erwähnt, dass „überall“ nur den Stadtteil Mitte, den Wald und die freie Landschaft meint, dann wundere ich mich nicht, dass Hundehalter, die ihre Hunde ganz legal am Grünstreifen neben der Straße im Stadtteil unangeleint laufen lassen, von vielen ihrer Mitbürger im Vorbeigehen kopfschüttelnd mit einem unangenehmen Kommentar bedacht werden – jedes Jahr aus Neue. So wird Hundehaltung zum gesellschaftlichen Randphänomen abgestempelt, was nicht nur faktisch falsch, sondern auch völlig unangebracht ist.

Dr. Britta Schumann
Fachärztin für Kinderheilkunde und Jugendmedizin
zertifizierte Fachkraft für tiergestützte Therapie“

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