Hunde trösten? Ja, bitte!

In der nächsten Adventszeit faste ich. Dann werde ich keine sozialen Medien konsumieren. Davon werde ich zwar nicht an Gewicht verlieren, aber ums Herz wird es mir leichter sein. Weil ich die ganzen blöden Ratschläge, wie Hunde die Silvesterknallerei gut überstehen, dann verpassen werde.

Eigentlich wollte ich heute darüber bloggen, dass ich leider vorige Nacht erleben durfte, dass eine Panikattacke einen unausgelasteten Hund viel doller umhaut als einen ausgelasteten und damit zufrieden müden Hund. Doch dazu erst gleich. Vorher erzähle ich euch noch schnell, worüber ich mich heute so geärgert habe.

„Tröste mich nicht zu viel – das bestätigt meine Angst.“ So gelesen in einem sozialen Netzwerk in einer von mehreren Spruchblasen auf einem Bild mit einem offenbar frisch gebadeten Dackel, der in Handtuch eingewickelt ist. Abgesehen davon, dass ein bisschen trösten in etwa so einfach ist, wie ein bisschen schwanger zu werden, ärgert mich die Kernbotschaft dieses vermeintlichen Wunsches eines Hundes unter der Überschrift „So starten wir gemeinsam gut ins neue Jahr“, ganz besonders dann, wenn ein Hundetrainer so etwas postet.

Ein für allemal: Trösten ist erlaubt und sogar erwünscht! Trösten bedeutet nämlich nichts anderes, als einem anderen in einer schwierigen Situation zu helfen und ihm am besten durch die schwierige Situation hindurch zu helfen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Emotion Angst kann dabei gar nicht verstärkt werden. [Anmerkung: Es lohnt sich, auf die beiden Links in diesem Absatz zu klicken, denn sie führen zu zwei absolut lesenswerten, sehr ausführlichen Beiträgen zum Trösten.]

Klipp und klar ist: Wenn ein Hund während der Silvesterknallerei zitternd, mit klopfendem Herzen und weit aufgerissenen Augen zu seinem Menschen kommt und dieser ihn zu beruhigen versucht, indem er ihn streichelt, wird die Panik im Jahr darauf nicht größer sein. Aber natürlich wird der Hund künftig auch nicht weniger panisch auf die Knallerei reagieren, denn Trösten und Training sind zwei völlig unterschiedliche Paar Schuh.

Tatsächlich kann ich – in geringem Maß – das Verhalten verstärken, das der Hund zeigt, wenn er Angst hat. Schließlich ist Sozialkontakt ein primärer Verstärker. Trösten wirkt aber allenfalls stark eingeschränkt als Verstärker, weil die Emotion Angst die Fähigkeit zu lernen sehr, sehr stark einschränkt. Das macht übrigens das Training mit einem sogenannten Angsthund, einem Hund, der auf viele verschiedene Reize panisch reagiert oder aber auf wenige Reize, die dafür permanent vorhanden sind, echt anspruchsvoll – auch deshalb, weil jeder Hund anders reagiert auf furchtauslösende Reize.

Ich frage mich, warum sich die Mär hält, dass trösten nicht hilft. Liegt es vielleicht daran, dass manche Menschen sich selbst in der Böllernacht fürchten und sich selbst zu trösten versuchen, indem sie – zitternd, mit pochendem Herzen und starrem Blick – ihren Hund an sich drücken und ihm, vor allem aber sich selbst wieder und wieder versichern, dass nichts Schlimmes geschehen werde? Der Hund, dem so geschieht, lässt sich von der Angst seines Menschen mit nahezu hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit anstecken. Und das Verhalten, das der Hund in dieser Situation zeigt, dürfte mit einiger Wahrscheinlichkeit verstärkt werden, weil ein übertragenes Gefühl meist nicht so stark ist, dass es Lernen verhindert.

Ein kluger Ratschlag wäre deshalb: Tröste deinen Hund nicht wegen etwas, das du selbst sehr fürchtest. Wer sich nicht dran hält, überträgt seine Angst auf seinen Hund. Es ist gut möglich, dass der Hund dabei spitzkriegt (lernt), wie er sich Aufmerksamkeit und einen Aufenthalt unter der Bettdecke erschleichen kann mit seinem Social Support. Sofort beginnt die Verstärkespirale; und am Ende mag es für den Menschen so aussehen, als habe er Angst bei seinem Hund bestätigt. Dies ist aber ein Trugschluss, eine Fehlinterpretation.

Nun komme ich endlich zum eigentlichen Grund für diesen Blogbeitrag. Gestern Nacht wehten einige Sturmböen ums Haus. Ich persönlich liebe Wind in allen Windstärken, denn ich bin eine echte Niedersächsin. Sturmfest eben. Aus diesem Grund habe ich auch eine ganze Weile gebraucht, um zu merken, dass Gimlet alles andere als sturmfest ist. Schüsse und Böller machen ihr nicht viel aus, aber eine steife Brise löst bei ihr eine Panikattacke aus.

Gimlet ist ein extrovertierter Typ. Sie reagiert eher mit Flirt (Übersprungshandlungen) und Fight (Kampf) als mit Freeze (Erstarren) oder Flight (Flucht).

Gimlet ist ein extrovertierter Typ. Sie reagiert eher mit Flirt (Übersprungshandlungen) und Fight (Kampf) als mit Freeze (Erstarren) oder Flight (Flucht).

Gestern Nacht waren es zwar nur Sturmböen, die ums Haus fegten, keine Orkanböen, aber Gimlet hatte eine der schlimmsten Panikattacken, die ich bisher erlebt habe mit ihr. Ich vermute, dass die Furcht sie vor allem deshalb voll erwischt hat, weil sie ihr buchstäblich nicht davonlaufen konnte. Da sie seit einer knappen Woche lahmt, wurden ihr Schmerzmittel und Schonung verordnet.

Warum ich euch das erzähle? Weil auch in diesem Jahr wieder ein Grappamaus&friends-Silvestergassi mit Kopfnüssen stattfindet, bei dem wir am Silvestertag nachmittags auf einer gemeinsamen Hunderunde im Deister die Hunde ein paar kleine Aufgaben lösen lassen, damit sie in jedweder Hinsicht herrlich müde werden. Und falls das nicht reicht: Trösten ist wirklich eine wunderbare erste Erste-Hilfe-Maßnahme, wenn ein Hund Panik hat.

2 Kommentare

  1. Wirklich schöner Beitrag, den man in nächster Zeit bestimmt öfter mal zitieren kann, wenn es auf die Knallerei zum Jahresende zugeht!

    Apropos… das Silvestergassi mit Kopfnüssen klingt spannend – ist das eine „geschlossene Gesellschaft“ oder kann man sich dafür irgendwo anmelden/Interesse bekunden? 🙂

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