Plädoyer für eine grüne Welle im Hundetraining

Das Wissen darum, wie Hunde lernen, hat sich unter Hundetrainerinnen und Hundetrainern – auch dank der Erlaubnispflicht nach dem Tierschutzgesetz – inzwischen gut verbreitet. Warum gibt es dann trotzdem zwei große Lager, die so gänzlich verschiedenes Training propagieren und praktizieren? Ein Erklärungsversuch.

Vorweg für jene, die zum ersten Mal in meinem Blog lesen, die Info, dass ich selbst eine sogenannte Grünschleife bin und mich vehement für gewaltfreies Hundetraining einsetze. Denn ich bin sehr froh darüber, dass ich Hunde heute so trainieren kann, dass es mir Spaß macht. Das war nicht immer so. Ich habe früher oft an Leinen geruckt und Hunden Angst eingejagt. Doch in den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich verdammt viel getan im Hundetraining.

Nein, dies wird nicht noch ein Blogbeitrag über die Quadranten der operanten Konditionierung. Dass Hunde wie alle Tiere durch Versuch und Irrtum lernen und dass Training sowohl mit Belohnungen als auch mit Strafen funktioniert, zähle ich zum Allgemeinwissen. Und diese Erkenntnis ist ja auch deutlich älter als 20 Jahre. Neuer sind Erkenntnisse über die Möglichkeiten der praktischen Anwendung von Zuckerbrot und Peitsche im Hundetraining und deren Folgen

Wir wissen heute, dass ein Clicker nicht nur im Tricktraining nützlich ist, sondern dass und vor allem wie ich mit positiver Verstärkung auch Verhaltensänderungen bei Hunden mit schwerwiegenden Problemen bewirken kann. Wir wissen zudem mehr über die Nebenwirkungen von aversivem Training. So hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine Reihenfolge herauskristallisiert, wie ich die Dinge angehen sollte im Hundetraining. Einer der für mich wichtigsten Beiträge dazu stammt von James O’Heare, einem US-amerikanischen Wissenschaftler, der sich auf Hundeverhalten spezialisiert hat: The Least Intrusive Effective Behavior Intervention (LIEBI) Algorithm and Levels of Intrusiveness Table: a Proposed Best-practices Model. Version 6.0 (2014).

Mit dem LIEBI-Modell beschreibt James O’Heare schematisch, dass Hundetrainerinnen und Hundetrainer stets „the least intrusive but still effective intervention“, also die am wenigsten einschränkende, aber dennoch effektive Vorgehensweise wählen sollten. Kurz gesagt: James O’Heare sagt, dass Training immer effektiv sein muss, aber dass der Hund dabei so wenig wie möglich gehemmt werden sollte. Andersherum: Egal, wie schlimm das Verhaltensproblem eines Hunde auch sein mag, eine aversive Methode sollte nie das erste Mittel der Wahl sein.

Vereinfachte Darstellung der Vorgehensweise im Hundetraining entsprechend des LIEBI-Modells von James O’Heare. Copyright: Grappamaus & friends c/o Inka Burow

Vereinfachte Darstellung der Vorgehensweise im Hundetraining entsprechend des LIEBI-Modells von James O’Heare. Copyright: Grappamaus & friends c/o Inka Burow

Hunde sind zwar keine Autos, aber das Bild einer Ampel taugt wunderbar, finde ich. In in diesem Bild lässt sich auch die Aufgabe jeder Hundehalterin und jedes Hundehalters im Allgemeinen und die Aufgabe von Hundetrainerinnen und Hundetrainern im Besonderen prima beschreiben: Die Aufgabe besteht schlicht darin, Hunden den richtigen Weg zu weisen. Eine Graphik, die das schön verdeutlicht, gibt es auf der Homepage der Initiative „Trainieren statt dominieren“ (Tsd).

Wer auf Training mit positiver Verstärkung setzt, sich also stets bemüht, erwünschtes Verhalten zu belohnen, fährt mit seinem Hund quasi auf der grünen Welle – und kommt voran. Deshalb finde ich die eigentlich gar nicht nett gemeinte Bezeichnung „Grünschleifen“ für die Unterstützerinnen und Unterstützer der Tsd-Initiative sehr passend. Allerdings wissen auch die Trainerinnen und Trainer des anderen Lagers um die Macht des Kekses zur rechten Zeit, wie die „Hundeformel“ grün-gelb-rot von Anita Balser zeigt, die in ihren Lehrvideos stets das Training nach dem Ampel-Prinzip empfiehlt.

James O’Heare schreibt: „If you ever reach the conclusion that you require level 6 methods [gemeint ist Training in der Red Zone], this should be a strong prompt for you to seek education to expand your repertoire of skill and knowledge.“ Frei übersetzt: Wenn du versuchst, deinem Hund beizubringen, an lockerer Leine zu laufen, indem du an der Leine ruckst, such dir schleunigst jemanden, der dir beibringt, wie du Hunde besser trainieren kannst.

So kommen wir – endlich – zu dem großen Unterschied zwischen den beiden Lagern in der Hundtrainerszene. Während das positive Lager eine rote Ampel als unmissverständliches Stopp versteht und aus diesem Grund Hunde nie auf einen Weg mit einer roten Ampel schickt; ist das andere Lager davon überzeugt, dass es Hunde gibt, die rote Ampeln brauchen und sie deshalb im Training buchstäblich ausbremst, wie dieses Video von Anita Balser mit ihrem Welpen zeigt.

Merkt ihr, warum ich das Ampel-Bild mag? Lernen ist ein Prozess, das lebenslange Voranschreiten auf Wegen, auf Lernpfaden. Manche Pfade sind dabei breit wie Autobahnen und bestens ausgeschildert, andere sind schmal und steinig und schwer zu finden. Gemein ist jedoch allen Wegen, dass rote Ampeln das Vorwärtskommen – das Lernen – stoppen.

Zum Schluss noch ein paar Videos, in denen Training auf der grünen Welle zu sehen ist:

Es gibt immer einen Weg ohne rote Ampel.

Es gibt immer einen Weg ohne rote Ampel.

3 Kommentare

  1. Der Artikel gefällt mir eigentlich gut. Nur: die Erlaubnispflicht nach dem Tierschutzgesetz hat Nullkommanix mit tierschutzgerechtem Training zu tun und zeichnet absolut keinen guten Trainer aus!! In der Theorie und als Deckmantel vielleicht, aber mehr auch nicht. Dieses Thema hat Stoff für einen eigenen Artikel, denn wenn sich Trainer, die wirklich gewaltfrei und positiv arbeiten von irgendwelchen Pseudoexperten, die sich durch Rangordnungsgesabbel und Canispropaganda auszeichnen, in ihrer Arbeit „prüfen“ lassen müssen/sollen, läuft eine Menge falsch. Und mit fairem, gewaltfreiem Training hat das nichts zu tun!

    • Anna, da hast du recht! Allerdings behaupte ich nicht, dass die Erlaubnispflicht zu einem tierschutzgerechteren Training führt, aber doch dazu, dass mehr Trainerinnen und Trainer zumindest theoretisch wissen, wie Hunde am besten lernen.
      Die Umsetzung des Paragrafen 11 ist allerdings wirklich einen eigenen Beitrag wert. Magst du einen Gastbeitrag schreiben?

  2. Pingback:Ricas Runde um den Blog #11 - Lesetipps Monat September - Ricas Dogblog

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