Watt issen Border Collie? (Teil 1)

Im KiKA wurde gerade eine Sendung über den Border Collie ausgestrahlt. Kinder erfahren in dem toll gemachten Beitrag, was diese Hunde ausmacht. Da ich mir in mehr als 15 Jahren mit Border Collies ein eigenes Bild dieser Rasse gemacht habe, fange ich mal an, das aufzuschreiben.

Watt issen Border Collie? Zuerst einmal ist der Border Collie ein Hund, genauer ein sogenannter Haushund (Canis lupus familiaris): anders als der Wolf (Canis lupus) domestiziert – dabei sind allerdings weder das Wann noch das genaue Wie schlussendlich erforscht – und anders als wild lebende Haushunde sozialisiert. Ich wette, bis hierher herrscht (noch) Einigkeit.

Auf der Seite der International Sheep Dog Society (ISDS), die völlig zweifelsfrei maßgeblich in Sachen Border Collie ist beziehungsweise sein sollte, lieber Club für Britische Hütehunde, steht über den Shepherd’s Dog (übersetzt: Hund des Schäfers; der Menüpunkt heißt wohlgemerkt nicht „Border Collie“):

The Border Collie is renowned for its intelligence, agility, hard work and innate skills with animals for herding.  Its skills have been shaped by many generations of breeding.  These working dogs have never been bred for appearance.

Übersetzt heißt das: „Der Border Collie ist berühmt für seine Intelligenz, Geschicklichkeit, harte Arbeit und angeborenen Hütefähigkeiten. Seine Fähigkeiten wurden über viele Generationen durch Zucht geformt. Das äußere Erscheinungsbild dieser Arbeitshunde spielte bei der Zucht nie eine Rolle.“ In weniger Worten: Ein Border Collie ist ein Hund, der arbeitet wie ein Border Collie.

Border Collies sind Fachidioten. Netter ausgedrückt: Sie wurden etwa seit dem 16. Jahrhundert von den Farmern im Grenzgebiet zwischen England und Schottland, in den sogenannten Borders – daher kommt der erst nach 1900 gebräuchliche Name „Border Collie“ für diesen speziellen Arbeitshundtyp – allein dazu gezüchtet, eine besondere Form der Viehhaltung möglich zu machen. Die schottischen Schäfer brauchten in der hügeligen Landschaft und in dem rauen Klima robuste Hunde, die einerseits eigenständige Entscheidungen fällen konnten, andererseits aber auch sehr folgsam waren.

Allein nach diesen Anforderungen wurden die Farmhunde untereinander verpaart. So entstand ein in hohem Maß auf das Einsammeln verstreuter Schafe in weitem, aber oft unwegsamem Gelände spezialisierter sheepdog, der wie ein Wolf schleicht und sogar ein einzelnes Tier allein mit seinem Blick in Bewegung setzen oder auf einer Stelle halten kann: eine für Schafe ausgesprochen schonende Arbeitsweise.

Ein Border Collie ist ein Hund, der arbeitet wie ein Border Collie: Mit Whisky erfüllte sich mein Traum vom echten Arbeitshund für die Schafhaltung. (Fotos: Silvia Winterberg)

Ein Border Collie ist ein Hund, der arbeitet wie ein Border Collie: Mit Whisky erfüllte sich mein Traum vom echten Arbeitshund für die Schafhaltung. (Fotos: Silvia Winterberg)

Ein hohes Maß an diesem gewollten „Fachidiotismus“ – der Spezialisierung auf eine viehschonende und absolut faszinierende Arbeitsweise – kennzeichnet den Border Collie bis heute. Allerdings ist er längst nicht mehr nur im schottisch-englischen Grenzgebiet zu finden, sondern auf der ganzen Welt. Auch in Deutschland. Er ist genau der „schlaue Arbeiter“, den der Rasseflyer des Clubs für Britische Hütehunde (CfBH) beschreibt.

Dass er inzwischen auch der perfekte „Sportler für aktive Menschen“ im Sinne eines Allroundtalents geworden ist, wie die Züchter im CfBH suggerieren, bezweifele ich hingegen – nachdem ich seit inzwischen mehr als 15 Jahren ununterbrochen mit mindestens einem Border Collie zusammenlebe und vor allem nachdem ich in mittlerweile knapp 15 Jahren Tierschutzarbeit diverse Border Collies kennengelernt habe, die keine perfekten Begleithunde abgeben beziehungsweise abgaben.

Meine Meinung zu dieser Rasse dürfte für die meisten extrem altmodisch anmuten: Ich halte den Border Collie für genau den Hund, den die ISDS auf ihrer Homepage beschreibt: für einen Arbeitshund, dessen Aussehen keine Rolle bei der Zucht spielen sollte, weil es allein auf seine ganz besonderen Fähigkeiten beim Arbeiten ankommt. Kein Allrounder für jeden Hundesport, sondern ein Hütespezialist. Ein Fachidiot eben.

Der passende Job für einen Border Collie – im Sinne der einzigen wirklich Border-Collie-gerechten Beschäftigung – ist die Arbeit an Schafen. Alles andere (Entenhüten, Agility, Dogdance, Frisbee, Ballspielen, Einsatz als Diensthund oder Servicehund, etc.) sind Hobbys, die ein Border Collie heute auch haben kann, aber eben keine Ersatzbeschäftigungen. Leider kommt der Border Collie in dem eingangs erwähnten KiKA-Beitrag als bunter, allzeit spielbereiter Hund rüber, der auch hüten kann. So verkauft sich ein Border Collie mit Papieren nach dem erst 1987 erstmals veröffentlichten FCI-Standard Nr. 297 einfach besser und natürlich auch in viel größerer Zahl.

[An dieser Stelle fehlt der Absatz, in dem ich Katja Pohlers meinen Respekt zolle, dass sie sich als Border-Collie-Expertin zur Verfügung gestellt hat für eine Kindersendung, in der „erklärt [wird], welche Tiere für ein Zusammenleben zu Hause geeignet sind“.]

Dem heute gültigen FCI-Standard entsprechend ist der Border Collie ein „[zu] harter und ausdauernder Arbeit fähiger Hund von guter Führigkeit; aufgeweckt, aufmerksam, empfänglich, intelligent, weder nervös noch aggressiv“. Die Crux dabei ist allerdings, dass die Art der Arbeit überhaupt nicht näher definiert wird. So war es bis vor wenigen Jahren möglich, dass ein Border Collie seine Arbeitsqualitäten wie andere FCI-Rassen mit Arbeitsprüfung, sogenannte Gebrauchshunde, mit Preisen bei Agility-Turnieren nachweisen konnte.

Noch viel dramatischer ist aber, dass in der modernen Rassehundezucht nahezu allein auf das Aussehen selektiert wird. Dabei sollte jedem, der im Biologieunterricht bei Genetik ein bisschen aufgepasst hat, klar sein, dass ich rassebestimmende Merkmale nur dann erhalten kann, wenn ich eben diese Merkmale als Kriterien bei der Auswahl der Elternstiere heranziehe.

Beim Border Collie sind die rassebestimmenden Merkmale weder eine perfekte Winkelung der Hinterhand noch niedliche Stehkippohren und schon gar keine außergewöhnliche Fellfarbe. Ein gesunder Körperbau ergibt sich vielmehr als logische Folge einer Zucht mit Hunden, die zu harter und ausdauernder Arbeit auf der Weide (nicht im Parcours!) fähig sind. Ein guter Border Collie hat keine Farbe. Und ein hübsches Gesicht sollte nur eine nette Dreingabe sein, an der sich der Besitzer gern erfreuen darf. Wer mich kennt, weiß, dass ich Stehohren und sogenannte split faces mag.

So weit zu der faktischen Unmöglichkeit, den Border Collie in Deutschland im Club für Britische Hütehunde und damit im Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH) nach dem FCI-Standard zu züchten. Praktisch wird es allerdings eben doch gemacht, denn die Zucht von hübschen, überdurchschnittlich schlauen Sporthunden ist, spätestens seit Rico bei „Wetten dass…“ aufgetreten ist, ein recht einträgliches Geschäft. Man braucht den Border Collie lediglich anzupreisen als:

  • „einen sportlichen Allrounder und Arbeitshund für aktive und hundesporterfahrene Menschen“
  • „[einen] nicht rein auf Hütetrieb [gezüchteten], sondern […] gesunden Familien- und Sporthund“
  • „[einen Hund mit] fantastischen Wesenseigenschaften wie leichte Trainierbarkeit, Sozialverträglichkeit und Wendigkeit“
  • „[einen] wesensfeste[n] und sportfreudige[n Hund]“
  • „einen aktiven und liebevollen Familienhund […], der durch seine Schönheit, seine Leistungsbereitschaft und seinen wundervollen Charakter besticht“

Die obigen Beschreibungen habe ich allesamt auf den Homepages von Züchtern gefunden, die Border Collies mit VDH-Papieren züchten. Ich persönlich halte sie für durchweg nicht wirklich zutreffend. Allerdings beweisen die definitiv tollen Erfolge von vielen Border Collies im Agility und Obedience, dass neben dem üblicherweise schwarz-weißen oder dreifarbigen Arbeitshund seit der Anerkennung der Rasse durch die FCI ein bunter Sportcollie mit hohem Status-Symbol-Wert entstanden ist. Ärgerlich ist nur, dass beide „Rassen“ denselben Namen tragen.

Neben dem CfBH gibt es in Deutschland tatsächlich einen zweiten Rasseverein, in dem Border Collies mit Papieren als Gebrauchshunde für die Hütearbeit gezüchtet werden: die Arbeitsgemeinschaft Border Collie Deutschland. Doch darüber schreibe ich im zweiten Teil meines Rasseporträts. Dann verrate ich euch, wie sogar ein Bearded Collie ins Zuchtbuch für Border Collies kommen kann, während ein Border Collie mit Papieren vielleicht nicht zur Zucht zugelassen wird, weil er ein blaues Auge hat.

Außerdem muss ich euch noch erzählen, warum ich Border Collies für meisterhafte Mustererkenner halte und welche Folgen dies hat. Und nicht zuletzt schulde ich euch natürlich eine Antwort auf die Frage, warum und wie ich mit Border Collies zusammenlebe.

Wird fortgesetzt.

2 Kommentare

  1. Zuersteinmal muss ich sagen, dass ich in der Stadt wohne und mehrere Border-Collies kenne. Darunter auch einen der wirklich mit Schafen arbeiten darf und auch nur dafür ‚angeschafft‘ wurde. Der andere, den ich hier als Beispiel nehme ist der einer Hundeschullehrerin.
    Zuersteinmal der Hund in der Schafsherde. Ein sehr ausgelasteter, ruhiger Hund, der erst „anspringt“ wenn er in die Schafe kommt. Alles andere geht ihm salopp gesagt am Hintern vorbei. Kein Showhündchen sondern eben ein ‚echter‘ Arbeitshund.
    Der andere in der Hundeschule ist ständig aktiv, unruhig, nervös auf Zack und macht in meinen Augen deutlich, das er kein Interesse an anderen Hunden hat. Kein Spielen oder ähnliches. Er macht das was man ihm sagt, dem Hund könnte man wohl Auto fahren beibringen. Aber mir kommt es so vor, als könnte man den ganzen Tag mit ihm über Hürden springen und er wäre immernoch nicht zufrieden. Ihm fehlt etwas, auch wenn er gehorcht. Ich bin sowieso der Auffassung das wir viele Rassen viel zu sehr vermenschlichen. Auslastung schön und gut, aber Auslastung ist nicht gleich Auslastung. Ein Hund muss auch ein Hund bleiben in gewisser Form. Ich für meinen Teil möchte jedenfalls keinen ‚perfekt‘ funktionierenden Hund haben. Mir reicht es, wenn sie wirklich ihre Auslastung hat (was man bei ihr deutlich merkt oder eben nicht 😉 ) und die Grundkommandos aus dem Alltag beherrscht. Alles andere sind „Special-Effects“ und Bonis.

  2. Das aber n Süße! Kannte diese Rasse noch garnicht.

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