Ist genereller Leinenzwang tatsächlich kein Unsinn?

Wer zwischen dem 1. April und dem 15. Juli mit seinem Hund ohne Leine in der sogenannten freien Landschaft, also draußen unterwegs ist und dabei erwischt wird, muss bis zu 5000 Euro Strafe zahlen. Diesen generellen Leinenzwang während der Brut- und Setzzeit will das Niedersächsische Gesetz über den Wald und die Landschaftsordnung (NWaldG). Es stellt Hunde unter den Generalverdacht, dass sie – kaum von der Leine gelassen – nichts anderes im Kopf mehr haben, als Kitze und junge Hasen zu jagen und kleine Vögel aus dem Nest zu stibitzen. Weil das Unsinn ist, startete der Tiermediziner Ingo Nolte zusammen mit einigen anderen eine Intitiative zur Abschaffung des pauschalen Freilaufverbots. Gestern haben die Initiatoren der Aktion Listen mit 13.000 Unterschriften an den Staatssekretär des Landwirtschaftsministeriums übergeben.

Fizz (vorn) und Skipper haben gelernt, Wege nicht zu verlassen. Weil aber auch diese Asphaltpiste in der Pattenser Feldmark Teil der freien Landschaft ist, dürfen sie hier dreieinhalb Monate lang nicht frei laufen.

Fizz (vorn) und Skipper haben gelernt, Wege nicht zu verlassen. Weil aber auch diese Asphaltpiste in der Pattenser Feldmark Teil der freien Landschaft ist, dürfen sie hier dreieinhalb Monate lang nicht frei laufen.

13.000! Wow! Oder besser: Wau! Dass ich einer der Unterstützer der Initiative bin, könnt ihr euch denken. In diesem Blog habe ich mich immer wieder über den Unsinn des Leinenzwangs geäußert. Denn „Hundeleben an der Leine“ heißt dieser Blog, weil Hannover an der Leine liegt. Nicht, weil ich die Meinung vertrete, dass Hunde stets an der (Hunde-)Leine zu führen seien.

Die HAZ berichtet heute nicht nur groß über die Unterschriftenübergabe, die Printausgabe wartet sogar mit einem Leitartikel zu diesem Thema auf der Titelseite auf. Der Autor hat selbst einen Hund. Ich hege leichte Zweifel daran, dass dieser Hund stets zurückgelaufen kommt, wenn er gerufen wird. Schließlich schreibt der Autor: „Hunde sind ihrem Wesen nach Jäger, deren Freiheit in Wald und Flur nicht uneingeschränkt sein kann.“ Muss die Einschränkung aber dreieinhalb Monate lang immer eine Leine sein? Ich meine: Nein!

Ich freue mich, dass die HAZ dem Thema so viel Stellenwert einräumt, dass es sogar einen Leitartikel wert ist. Allerdings ärgere ich mich über den Satz: „Der in Niedersachsen geltende Leinenzwang ist sicher kein Unsinn.“ Im Umkehrschluss lese ich daraus: Dass es die Anleinpflicht während der Brut- und Setzzeit nirgends sonst in Deutschland (okay, außer in Bremen und Sachsen-Anhalt) und auch im Rest Europas so nicht gibt, ist Unsinn, also falsch?! Erstaunlich, dass Niedersachsen, Bremen und Sachsen-Anhalt nicht die einzigen Länder sind, in denen Bodenbrüter die Zivilisation überlebt haben.

Allein in Niedersachsen fallen laut LJN jährlich eine halbe Million Wildtiere dem Mähtod zum Opfer. Und nicht nur in unseren Stubenwölfen, sondern auch in unseren Stubentigern stecken die Gene eines Laufraubtieres. Heißt: Wenn Hunde an die Leine müssen zum Schutz der Wildtiere, dann müssten alle Katzen eigentlich für dreieinhalb Monate durchgängig drinnen eingesperrt werden. Ach, das ist Tierquälerei? Stimmt. Das Argument gilt aber genauso für Hunde, die nicht mal auf einer Hundefreilauffläche frei laufen dürfen.

Versteht mich nicht falsch: Ich möchte nicht, dass auch nur ein einziges Wildtier durch einen Hund Schaden nimmt. Das allerdings gilt an 365 Tagen im Jahr. Verantwortlich dafür, dass ein Hund keinem Häschen, Kitz, Wiesenvogel oder sonst einem Tier etwas antut, ist der Hundebesitzer. Und dass das so ist, ist gesetzlich geregelt. Auch ohne den Leinenzwangparagrafen im das NWaldG.

9 Kommentare

  1. Toller Artikel den ich voll und ganz Unterschreibe!
    Dein Gefällt mir Button geht leider nicht bei mir :(

    lg
    Dani mit Inuki und Skadi

  2. Ich bin da zweigeteilter meinung.auch ich erachte den generellen leinenzwang als unsinn.ich lebe ich mit unserer hündin in linden, direkt an den hundewiesen.wir bekommen täglich mit, dass der leinenzwang 95% aller hundebesitzer wohl ganz zurecht trifft. denn so wenig die meisten derer Hunde reißen, so schlecht erzogen sind sie leider trotzdem. Hören tun diese hunde selten und wenn doch, dann gern erst beim zehnten Rufen. Die meisten hundewiesen an der ihme sind im übrigen auch während der busz. freigegeben.

  3. Hubert Wolniewicz

    Einen treffenden Artikel haben Sie geschrieben. Möchte gerne noch meine Erfahrung dazu anfügen.
    Bin Rentner, und bin sehr gerne mit meiner 10 jährigen Rotti Hündin in der Natur. wir machen bei schönem Wetter stundenlange Spaziergänge und beobachten dabei unser scheues Wild. Damwild, Rotwild, Hase, Waschbär und Fuchs.
    Meine Hündin hat sehr gute Augen und macht genau das gleiche wie ich. Sie beobachtet das Wild. Sie bleibt in jeder Situation
    nicht angeleint bei mir und ich kann problemlos filmen oder fotografieren. Bei Bedarf kann ich das ohne Probleme vorführen.
    Die Hündin ist vom Welpenalter an bei mir und so erzogen worden. Selbstverstänlich wird sie in erforderlichen Situationen angeleint. Aber alleine auf dem Feld und im Wald wäre das nicht
    erforderlich. Deshalb bin ich gegen den Leinenzwang!

  4. Sehr schöner Artikel, dem ich mich nur anschließen kann!

    Bei uns an der Leine (in Göttingen) sind die umliegenden Wiesen und die Überflutungsbereiche am Ufer jetzt schon raspelkurz gemäht, aber das Ordnungsamt läuft Streife und hält Hundehalter an – Begründung? „Ja, aber die armen Bodenbrüter…“

  5. Ich habe den ‚Artikel erst heute gelesen, habe früher über 20 Jahre in Hannover gewohnt, da gab es -Gott sei Dank – diesen SChwachsinn der Brut- und Setzzeit nicht. Für mich ist es auch absolute Tierquälerei, dass Hunde 3,5 Monate nur ausschließlich an der Leine bleiben sollen und das ohne Alternative! Da bin ich doch froh, dass ich inzwischen in Schleswig-Holstein wohne und wir dort diesen Schwachsinn nicht haben. Ich bin öfter in Hemmingen zu Besuch, aber vermeide dann, zu dieser Zeit meine Freunde zu besuchen, da meine Hunde regelrecht durchdrehen, wenn sie jeden Tag nur an der Leine (Flexileinen lehne ich ab) geführt werden.

    Ich bin auch gegen den Leinenzwang!

  6. Was ist eigentlich aus der Durchsetzung des Gesetzes geworden? Wir leben mit unseren Hunden in Bayern und Ich muss gestehen, dass Ich davon noch nie etwas gehört habe. Das Gesetz finde Ich unsinnig da es alle Hunde in einen Topf wirft und ein Generalverdacht ausgesprochen wird…

    • Hallo Victor, das niedersächsische Waldgesetz, in dem steht, dass Hunde vom 1. April bis zum 15. Juli in der freien Landschaft an der Leine zu führen sind, ist von 2002 und wird auch exekutiert. In Hannover zum Beispiel achten während der Brut- und Setzzeit zusätzliche Ranger darauf, dass Hunde angeleint sind – und kassieren auch bei Missachtung. Mit der Unterschriftenaktion konnte leider bisher keine Lockerung des Gesetzes erreicht werden. Viele Grüße, Inka

  7. Danke für den guten und informativen Artikel. Ich kannte das so bisher auch nicht das es das in der Art und Weise gibt, da sind wir in BaWü auch nicht von betroffen (soweit ich das weiß).
    Schade das die Unterschriften-Aktion bisher nichts ergeben hat…vielleicht sollte man hier einfach nnochmal aktiv werden und einen neuien Versuch starten !? Evtl. auch mit Online-Petition, um noch mehr Menschen damit zu erreichen die das unterstützen. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zu letzt.
    Viele Grüße, Sven

  8. Die Regelung dient dem Schutz unser heimischen Wildtiere!! Aufgrund der intensiven Landwirtschaft sind diese Tiere auf u.a. auf Feldränder und den Grünstreifen am Weg angewiesen. Ob der Hund wirklich wildert spielt dabei keine Rolle!! Der Feldhase, die Feldlerche, der Kiebitz oder das Rebhuhn wissen nicht ob der Hund nur mal schauen will oder auf der Jagd ist. So gerät das Wildtier in Panik und die Brut wird massiv gefährdet.

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