„Border Collie/Mischling aus Zeitmangel abzugeben“

Solche Anzeigen gibt es zuhauf. Ich habe meine „Golden Border“-Hündin Kira vor etwa anderthalb Jahren mit einem ähnlichen Abgabegrund bekommen. Lange hatte ich mit mir gerungen, ob ich mich als Neuhundehalter nicht vielleicht mit einem Hund beziehungsweise einem Mischling einer als so anspruchsvoll geltenden Rasse übernehme. Glücklicherweise habe ich mich nicht abschrecken lassen, denn Kira ist für mich der beste Hund der Welt. Ich bin allerdings der Meinung, dass jeder Hund für seinen Menschen der beste Hund der Welt sein soll, demnach muss es viele beste Hunde geben!

Keks oder Gassi? Border Collies und anderen Arbeitsrassen wird nachgesagt, dass sie schnell unterfordert sind. (Foto: Karin Götting)

Keks oder Gassi? Border Collies und anderen Arbeitsrassen wird nachgesagt, dass sie schnell unterfordert sind. (Foto: Karin Götting)

Als Vorbereitung hatte ich damals viel im Internet recherchiert, Berichte darüber gelesen, welche Verhaltensstörungen auftreten können, wenn ein Border Collie nicht richtig ausgelastet wird, Warnungen auf Youtube gesehen und zig Anzeigen gelesen, in denen „unausgelastete“ Border Collies von verzweifelten Besitzern abgegeben werden sollten.

Ein bisschen Angst hatte ich schon. Aber ich wusste auch, was ich mit meinem Hund wollte: Clickertraining und Tricks und ausprobieren, was es so an Hundesportarten gibt und was uns Spaß machen könnte. Immerhin waren Grundkenntnisse in der Ausbildung von Hunden vorhanden,  einen der Schäferhunde meiner Eltern hatte ich in Unterordnung und Fährte geführt, den gemeinsamen Golden Retriever (meinen „Drittelhund“) mit als Familienhund ausgebildet und mich mit Karen Pryor, Günther Bloch und Turid Rugaas (um nur einige zu nennen) weitergebildet. Und auf Youtube hatte ich viele Ideen gesammelt, wie ich meinem Hund neue Tricks auf positive Weise buchstäblich verklickern kann.

Also kam Kira Anfang März ins Haus und nach einer Eingewöhnungsphase und dem Konditionieren des Clickers begannen wir mit dem Einüben von Tricks. Dazu kam das Pflichttraining für den Hundeführerschein in einer Hundeschule. Von Border-Collie-Besitzern in der Nähe hatte ich erfahren, dass sie ihre Hunde mit Flyball im Verein auslasten. Und dann bot die Hundeschule auch noch einen Trick-Kursus an …

Weil ich fürchtete, meinen Hund nicht ausreichend auszulasten und Verhaltensauffälligkeiten hervorzurufen, hatte ich irgendwann ein ziemliches Pensum angehäuft. Mindestens zweimal täglich (häufig aber dreimal) für zehn Minuten oder länger Tricksen, einmal die Woche zum Training für den Hundeführerschein, einmal die Woche zum Flyball-Training. Den Trick-Kursus in der Hundeschule wollte ich unbedingt machen. So hatte ich dann drei Außer-Haus-Termine mit Hund pro Woche: Tricksen, Hundeführerschein und Flyball. Mein Hund ging vormittags zum Hundesitting zu meinen Eltern (wo es noch den Rentner-Retriever gab), nachmittags haben wir getrickst oder hatten Programm. Mir hat das wenig ausgemacht und der Hund schien mir auch zufrieden. Betonung auf „schien“!

Den Hundeführerschein-Kursus habe ich im September 2012 mit der erfolgreich bestandenen Prüfung beendet. Im Hundeverein wurde ich angesprochen, ob ich nicht mit meinem Hund die Begleithundeprüfung (BH) machen wolle. Warum nicht? Immerhin kannte ich das aus meiner Kindheit im Verein für Deutsche Schäferhunde. Also wurde das wöchentliche Training für den Hundeführerschein durch zweimal wöchentliches Training für die Begleithundeprüfung ersetzt, denn eigentlich konnte mein Hund die geforderten Dinge ja bereits, nur nicht in der für die BH geforderten Präzision.

Der Trickkursus ging zu Ende, ich bekam einen Nasenarbeitskursus zu Weihnachten geschenkt. Die Begleithundeprüfung rückte näher, und so gab es ab und zu gezieltes Zusatztraining bei einer anderen Trainerin. Zwischendurch haben wir ein tolles Wochenendseminar zum Thema Dog Frisbee absolviert. Und obwohl ich nicht mit allen Methoden einverstanden war, haben wir einiges von dem Gelernten in den Alltag übernommen.

Irgendwann war es soweit: Kira wollte nicht mehr!

Beim BH-Training (zugegeben: es gibt Sachen, die sind abwechslungsreicher) wurde sie immer schlechter, bis sie mir dabei aus der Fußarbeit beziehungsweise dem Abrufen abgehauen ist und sich auf dem Platz allein vergnügt hat. Laut Trainer sollte ich mit meinem Hund nun leinenruckend über den Platz gehen. Das habe ich verweigert. Wozu soll mein Hund denn dann noch mit mir zusammenarbeiten? Wenn es eh’ keinen Spaß macht und man zusätzlich auch noch am Hals geruckt wird, da kann sich die Mitarbeit nicht verbessern! Ich habe die Begleithundeprüfung abgesagt.

Stattdessen gab es ein Obedience-Seminar bei einer anderen Trainerin im Verein. Der Trainingsansatz war ein deutlich anderer: Wenn der Hund beim Hundesport motiviert mitarbeiten soll, muss es ihm Spaß machen. Dazu muss der Hundehalter das Training dem Hund anpassen. Das entsprach und entspricht meinem Verständnis von Training. Kira hat nach anfänglichem Zögern (der Trainingsort war derselbe wie für die Begleithundeprüfung) wieder besser mitgearbeitet und hatte Spaß am Training – ich auch!

Spiel, Spaß und Pause: Kira ganz entspannt. (Foto: Karin Götting)

Spiel, Spaß und Pause: Kira ganz entspannt. (Foto: Karin Götting)

Unser jetziges Trainings- und Beschäftigungspensum habe ich auf einmal Flyball- und einmal Obedience-Training auf dem Hundeplatz heruntergefahren. Zuhause clickern wir abwechselnd Tricks, Obedience, und wir versuchen und an der Dummyarbeit. Auf den Spaziergängen arbeiten wir weiter am Verhalten anderen Hunden und Menschen gegenüber. Ab und an gibt es etwas Abwechslung auf den Spaziergängen, beispielsweise Verlorensuche oder Tricks. Ich versuche, einmal pro Woche eine Wanderung oder einen sehr langen Spaziergang mit Kira zu machen, aber wenn das nicht klappt, sehe ich auch kein unausgelastetes Verhalten.

Wenn wir beide gesund sind (also eigentlich: wenn ich gesund bin), nehme ich sie ein- bis zweimal die Woche mit zum Joggen oder ich fahre mit ihr eine Runde am Fahrrad, damit sie in ihrem Tempo laufen kann. Ab und zu intensiviere ich das Tricktraining beziehungsweise übe für Dogdance-Choreographien, wenn wir mit Grappamaus & friends eine Vorführung planen. Dann wird aber an anderer Stelle ein wenig mehr Ruhe eingebaut. Beispielsweise trainieren wir dann auf Spaziergängen weniger Alltagsbenehmen.

Inzwischen bin ich sicher, dass es sowohl viele unausgelastete Arbeitshunde (dazu gehören nicht nur Border Collies) als auch viele überlastete Hunde gibt – beides tut den Hunden nicht gut. Ich denke, wegen der Warnungen vor unausgelasteten und deshalb verhaltensgestörten Border Collies könnte es sein, dass überforderte Tiere einfach noch mehr überfordert werden, und möglicherweise wäre ich selbst in ebendiese Falle getappt, wenn mich nicht unter anderem eine Erkrankung gezwungen hätte, ein wenig zurückzustecken. Neben der Auslastung meines Hundes steht jetzt bei mir auch immer im Blickpunkt, dass ich mit Kira Entspannung übe.

Ein Kommentar

  1. Hallo Karin,
    das finde ich sehr schön, was du hier gepostet hast.

    Border Collies sind sehr aktive Hunde, daher brauchen sie
    BEWEGUNG _ ANREGUNG _ BEWEGUNG _ ANREGUNG _ BEWEGUNG ….

    O D E R D O C H N I C H T ?

    ich bin auch sehr aktiv und i c h brauche einfach auch mal Ruhe.

    Nicht nur den Border Collies, sondern vielen unserer Hunde fehlt es an der notwendigen Ruhe … das heißt nicht sie links liegen zu lassen, sondern ihnen die notwendige Balance zu zeigen / zu bieten, sie auch zu relaxen. Körperliche Anstrengung / geistige Anstrengung / und die notwendige Entspannung – das sind die Tätigkeiten, die wir als Hundehalter lernen müssen und erkennen müssen, wann was fällig ist – der Hund hilft uns mit seinen Signalen dabei, wir müssen nur fähig sein, sie zu lesen.

    Super Beitrag …

    Alles Liebe euch und euren Hunden

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