Spielt der noch oder ist er schon ein Stöckchen-Junkie?

Irre oder bloß ein Border Collie: Pitú war 2006 dem Wahnsinn näher als dem Genie. (Foto: Uwe Janssen)

Irre oder bloß ein Border Collie: Pitú war 2006 dem Wahnsinn näher als dem Genie. (Foto: Uwe Janssen)

Wer wie ich irre Hunde (= Border Collies, denn ein Mindestmaß an Irrsinn zählt zum Rassestandard) sammelt, muss sich – in Anlehnung an den Werbeslogan eines großen schwedischen Möbelhauses – immer wieder mal die Frage stellen: Spielt der noch oder ist er schon ein Stöckchen- resp. Ball-Junkie? Ich will mich heute mal an einer Antwort versuchen. Vor allem aber hoffe ich auf eine rege Diskussion zu diesem doch schwierigen, aber in meinen Augen wichtigen Thema.

Bevor ich mich an einen Antwortversuch mache, wo die Grenze zwischen Spiel und Sucht liegen könnte, will ich das Spielverhalten von Hunden näher betrachten und definieren, was ich unter einem „Stöckchen-Junkie“ verstehe.

Beim Domestikationsprozess vom Wolf zum Hund hat eine Infantilisierung (= Verkindlichung) stattgefunden. Der Hund ist also ein im Entwicklungsstadium des Welpen bzw. Junghundes hängengebliebener Wolf. So habe ich es jedenfalls abgespeichert, und plausibel klingt dies für mich auch. Die Erstquelle für diese Erkenntnis kenne ich leider nicht; aber Sekundärquellen gibt es viele. Das erklärt jedenfalls, warum überhaupt erwachsene Hunde in der Regel so gern und viel spielen. Sie sind ja quasi Wolfswelpen. In der Verhaltensbiologie wird Spielverhalten dann auch so definiert: diverse, in der Regel nicht einem bestimmten Zweck zuzuordnende („sinnlose“) Bewegungsabfolgen speziell bei Jungtieren.

So weit, so gut. Mir gefällt die Betonung des Sinnlosen, denn damit würde eine Abgrenzung zu suchthaftem Verhalten recht einfach. Laut Heinz Weidt liegt die biologische Bedeutung des Spielens „in der Erprobung und Einübung lebenswichtiger Verhaltensweisen des Erwachsenenlebens“. Mmmh! Spielen als Notwendigkeit, um erwachsen zu werden? Das ist wohl auch richtig, denn natürlich gibt es Rangordnungsspiele, etc. Doch ich persönlich bin nicht der Ansicht, dass jede Spielaufforderung eines Hundes – unabhängig davon, ob sie einem anderen Hund oder einem Menschen gilt – gleich eine Kampfansage ist nach dem Motto: Lass uns eben mal testen, wer der Stärkere ist!

Im Netz habe ich über das Spielverhalten von Hunden einen richtig guten Blogbeitrag von „TickyTacky“ (Sandra Wenzel) gefunden: Wie und warum spielen Hunde? Darin ist beschrieben, woran man Spielen erkennt. Ich habe daraus folgende Liste mit Merkmalen des Spielens gemacht:

  • Rollentausch (Im Spiel ist der Ranghöhere auch mal der Unterlegene und begibt sich freiwillig in diese Position. Bei Rennspielen jagt mal der eine, dann der andere.)
  • Luxusbewegungen („sinnlose“ Bewegungen wie zum Beispiel Sprünge)
  • Übertriebene Mimik (sogenanntes Spielgesicht)
  • Übertriebene Lautäußerungen (zum Beispiel Knurren)
  • Augenkontakt bei Rennspielen
  • Häufige Wiederholungen
  • Überraschungseffekte

Anhand dieser Merkmale definiere ich einen Stöckchen-Junkie wie folgt: Ein Stöckchen-Junkie ist ein Hund, der beim „Spielen“ nie die Rollen tauscht, der keine Luxusbewegungen macht, sondern vielmehr immer wieder erstarrt verharrt, der kein Spielgesicht, sondern einen stets fixierten Blick hat, der nicht freudig erregt bellt oder knurrt, der keine überflüssigen Bewegungen macht und kein überraschendes Verhalten zeigt. Kurz: Ein Hund, der keinerlei Merkmal des Spielens zeigt, spielt auch nicht!

Bei Border Collies ist derlei (Sucht-)Verhalten leider auch viel zu häufig gegenüber anderen Hunden zu beobachten. Und ich kriege einen dicken Hals, wenn Besitzer solcher Hunde dann auch noch stolz sagen, dass ihr Hund gerade seinen „Hütetrieb“ beweise.

Die spannende Frage ist nun: Wie viele der oben genannten Merkmale müssen zutreffen beziehungsweise dürfen fehlen, damit ein Hund (noch) als spielend einzustufen ist? Wo also ist die Grenze zwischen Spiel und Sucht? Je länger ich mich mit der Hunderasse zwischen Genie und Wahnsinn (= Border Collie) befasse, desto eher sehe ich inzwischen, dass die Grenze überschritten ist. Gerade Border Collies neigen meiner Ansicht nach zu suchthaftem Verhalten, zu Stereotypien. Nur ein Hund, der alle Merkmale des Spielens zeigt, spielt tatsächlich auch.

Hat man erst mal einen Stöckchen-Junkie, ist es nicht leicht, den Hund zu entwöhnen. Wie oft sagen Besitzer solcher in meinen Augen kranken Hunde: Dem fehlt was, wenn er nicht Bällchen spielen darf. Logisch! Einem Raucher fehlt ja auch die Zigarette, wenn er versucht, mit dem Rauchen aufzuhören. Mit einem Genuss (Spiel) in Maßen ist es leider auch vorbei, wenn die Grenze erst einmal überschritten war. So wie ein trockener Alkoholiker keinen Alkohol mehr anrühren darf, sollte man einem entwöhnten Stöckchen-Junkie nie wieder etwas werfen.

Ich weiß, wie schwer das ist. Pitú ist ein Stöckchen-Junkie (gewesen). Nicht einmal ein Hundesport wie Flyball – ein kontrolliertes Bällchenspiel mit vier Hürden – hat ihm wirklich gut getan. Dabei wollte ich ihm doch nur Spaß gönnen. Inzwischen bin ich klüger …

Jetzt seid ihr dran: Spielen eure Hunde noch? Ich freue mich auf eine rege Diskussion!

7 Kommentare

  1. Hallo Inka,

    du definierst Spiel im groben und ganzen als „sinnloses“ Verhalten mit einer Reihe an unterschiedlichen (aber weiterhin sinnlosen) Verhaltensweisen. Sucht hingegen ist für dich das Fehlen der Verhaltensweisen.
    Ich kann aber bei deinen Beispielen keine Sucht erkennen. Sucht ist für mich ein Krankheitsbild, das sich vorrangig an krankmachenden Verhalten festmachen läßt. (Der Raucher raucht, obwohl er weiß, daß ihn das krank macht. Kann aber nicht anders)
    Zur genaueren Abgrenzung ist es sicherlich legitim über die Sinnhaftigkeit nachzudenken. Jedoch erfordert die Einstufung in sinnig oder unsinnig einen Maßstab, der die Bewertung zuläßt. Den Maßstab, den du für die Beurteilung anlegst ist dein Maßstab und nicht der des Hundes.
    Soll heissen, was für dich unsinnig erscheint, hat für ihn sehrwohl einen Sinn.
    Ich kann mich sonst mit deinen Ausführungen anfreunden, wenn an Stelle von Sucht Trieb stehen würde. Auch der Trieb führt zu bestimmten Verhaltensweisen, die quasi zwanghaft (also unumgänglich) sind und aus dem Individuum heraus selbst motiviert sind. Sie sind somit dann auch nicht sinnlos.
    Im Ergebnis sind wir uns einig. Wenn ein Trieb zu einer Störung / Belastung der Mensch-Hund-Beziehung wird, dann darf dieser Trieb nicht weiter gefördert werden.
    Sucht bleibt also krankhaftes Verhalten mit zumeist negativen Folgen für das Individuum und Trieb ist ein vorprogrammiertes, individuelles aber fest verankertes Verhaltensmuster.
    LG
    Detlef

    PS. Grundsätzlich habe ich etwas gegen Stöckchenspiele, aber aus anderen Gründen. Wen es interessiert: http://www.weisse-schaeferhunde-owl.de/wordpress/index.php/apportieren-das-spiel-mit-dem-stockchen/

  2. Vielen Dank, Detlef. Mit meiner Wortwahl „Sucht“ bin ich tatsächlich nicht glücklich. Hätte ich aber „Trieb“ geschrieben, wäre meine Botschaft vielleicht nicht so rübergekommen, wie ich es mir wünsche.

    Ein triebgesteuertes Verhalten ist ja per Definition zwanghaft (genetisch fixiertes Verhaltensmuster), aber nicht unerwünscht. Was ich zu beschreiben versuche ist ein übersteigertes und fehlgeleitetes Triebverhalten, das auf den ersten Blick wie ein Spielverhalten aussieht, aber unerwünscht ist, weil es den Hund krank macht. Dagegen ist zum Beispiel das Jagdverhalten zwar für viele Hundehalter ein Problem, aber letztlich erwünscht (= bewusst gezüchtet). Das Zeigen von Jagdverhalten (beim Border Collie, wenn er an Schafen arbeitet) schadet dem Hund nicht. Insofern zeigt ein Stöckchen-Junkie – anders als ein arbeitender Hund – kein vorprogrammiertes, sondern ein krankhaftes Verhalten. In meinen Augen jedenfalls.

    Viele Grüße, Inka

  3. huhu Inka,
    auch wenn ich deine Ausführungen sehr spannend finde und gerne gelesen habe, bin ich an verschiedenen Stellen ins Grübeln gekommen.
    Ich frage mich, welche Theorie „Rangordnungsspiele“ belegt und warum sie so betitelt ist? Meinen wir das gleiche und haben nur unterschiedliche Begriffe? Oder wie ist deine Selbstverständlichkeit mit diesem Begriff zu verstehen?
    Außerdem habe ich, was das „Nie-wieder-Spielen“ mit Ex-Junkies auch andere Erfahrungen gemacht. Meistens reicht es vollkommen das Spielverhalten umzustellen, und nicht gänzlich streichen zu müssen.
    Und ein Aspekt fehlt noch vollkommen: Der körperliche Aspekt. Man kann Sucht und Entzug körperlich messen, vielleicht gibt es zu diesem Aspekt schon irgendwo Literatur oder Hinweise auch auf das Spielverhalten des Hundes bezogen. Das eiß ich aber nicht, aber du bist ha super, wenn es um recherche geht ;-)

  4. Danke, Katharina, zusammen kriegen wir es klarer! Genauso hatte ich es mir vorgestellt. Also:

    Ich denke tatsächlich, dass Welpen Rangordnungspiele machen, also Spiele mit Rollen-/Rangtausch, in denen sie spielerisch etwa das Drehen des anderen auf den Rücken üben. Ich suche dafür aber mal eine Quelle. Denke, dass ich in diesem neuen Buch fündig werde: „Spielverhalten bei Hunden: Spielformen und -typen, Kommunikation und Körpersprache“ von Mechtild Käufer.

    Das mit dem Nie-wieder-Spielen bezog sich nur aufs Bällchenwerfen. Natürlich spiele ich mit Pitú, wir machen Zergelspiele. Außerdem spielt er gern mit anderen Hunden und täglich mit der Maus. Mit Whisky und Skipper ist spielen schon schwieriger, denn die überdrehen beide beim Zergeln, und da ich keinen VPG-Schutzanzug besitze…;-)

    Und nun zum körperlichen Aspekt: Ich weiß, dass Drogenspürhunde süchtig werden und auch Entzugserscheinungen zeigen (Quelle suche ich raus). Die Frage, ob sich das bei Stöckchen-Junkies ebenso messen lässt, ist sehr spannend – das wäre dann der Beweis, dass das Verhalten tatsächlich echtes Suchtverhalten ist.

  5. Bei meinen Recherchen habe ich nun Folgendes gefunden, das mir so nicht klar war: Der Fachbegriff, den ich suchte, ist wohl „Abnormal-repetitives Verhalten (ARV)“. Dieses von mir im Blogbeitrag als Sucht bezeichnete Verhalten ist außerdem zu unterscheiden in Stereotypien und Zwangsverhalten (http://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb10/institute_klinikum/klinikum/tierschutz/forschung/projekte/zwangsstoerungen). Demnach zeigt ein Stöckchen-Junkie ein Zwangsverhalten, oder?

  6. Zwangsverhalten, na mit der Begrifflichkeit kann ich mich anfreunden.

    Meine Fellnase, Paddy – der Plüsch, ist definitiv ein Balljunkie. Ich weiß aus seiner Vorgeschichte, dass es ihm wohl beigebracht worden ist, da täglich zwei Mädchen aus der Nachbarschaft zum Paddy kamen, um stundenlang mit ihm Ball zu spielen. Ich denke auch, dass sein schlechtes Gebiss mit dem Kauen von Tennisbällen zu tun hat.
    Er ist auch recht einfallsreich, um an Bälle zu kommen, z.B. stellt er sich an den Zaun der Tennisplätze, wufft und wartet, dass die Bälle für ihn über den Zaun fliegen.

    Sein „Ballspielen“ war kein Spielen, sondern Zwangsverhalten und eher nervig. Er hatte auch durchaus in der Nacht das Bedürfnis mir den nassen klitschigen Ball in den Rücken zu legen, um mich zum Werfen aufzufordern.

    Also habe ich versucht die Ballepisoden in Bahnen zu lenken. Ich wollte es ihm nicht zu 100% versagen, aber auch nicht in der neurotischen Art belassen. Fortan wurde täglich trainiert. Alternativ führte ich ihn in Richtung agility, das kannte er überhaupt nicht. Nach vielen Wochen gibt es für ihn noch eine Wiese auf der „Ballspielen“ erlaubt ist. Paddy akzeptiert es, naja, er hat auch keine andere Wahl, aber es geht ihm eindeutig besser.

    Rückfälle seiner Bällchenmanie sind nicht mehr so häufig beim Paddy zu beobachten. Die hatte er, wenn er unter Stress stand. Kann es sein, dass diese Rückfälle unter Stress ein Verfallen in alte gewohnte sicherheitsgebende Verhaltensweisen sind?

  7. Danke für deinen Bericht, Gudrun. Ich habe Paddy gesehen – im „Ballspiel-Modus“ und einige Wochen später mit einem ganz anderen Blick. Da hast du wirklich in kurzer Zeit sehr viel erreicht mit Paddy. Ich war jedenfalls sehr beeindruckt. Toll!

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