Gastbeitrag: Kommentar zum neuen Hundegesetz

Nun hat Niedersachsen also sein neues Hundegesetz. Das hat der Niedersächsische Landtag am Mittwoch beschlossen. Demnach müssen Hunde ab sechs Monaten künftig mittels eines Mikrochips gekennzeichnet werden. Hundehalter müssen außerdem eine Tierhalterhaftpflichtversicherung abschließen und einen Sachkundenachweis erbringen, also einen Hundeführerschein machen. Das neue Hundegesetz tritt am 1. Juli 2011 in Kraft.

Imke Niewöhner ist Tierärztin und Hundetrainerin. Sie betreibt die Hundeschule Friesland. Für die Neue Presse in Hannover hat sie das neue Hundegesetz kommentiert. Dies ist ihre Meinung:

Das neue niedersächsische Hundegesetz ist ein großer Fortschritt. Da sind sich die Politiker ausnahmsweise mal quer durch alle Fraktionen einig. Und tatsächlich: Das Gesetz ist ein Riesenschritt ist die richtige Richtung! Allerdings …

Niedersachsen hat lange gebraucht, um ein neues Hundegesetz zu verabschieden. Die alte Fassung aus dem Jahr 2003 sollte nach diversen Beißunfällen verbessert werden. Das Ziel lautete: mehr Sicherheit. Nun feiert sich die Politik für ihre Gesetzesnovelle. „Das neue Hundegesetz stärkt den Tierschutz und hilft, Beißunfälle in Zukunft zu vermeiden“, sagte etwa Agrarminister Gert Lindemann. Dass das tatsächlich gelingt, möchte ich bezweifeln.

» Kennzeichnungspflicht für Hunde ab sechs Monaten

Alle Hunde in Niedersachsen müssen künftig gechippt sein, damit sie eindeutig identifiziert werden können. Das ist sinnvoll. Alle Rassehunde haben inzwischen ohnehin längst so einen Chip statt der früher üblichen und für den Hund wesentlich schmerzhafteren Tätowierung. Tierschutzhunde werden ebenfalls durchweg gechippt, bevor sie in ihr neues Zuhause ziehen. Und wer ins (europäische) Ausland reisen will mit seinem Hund, muss ihn auch vorher chippen lassen (Stichwort: EU-Heimtierausweis).

Solch ein Mikrochip ist etwa so groß wie ein Reiskorn. Er wird vom Tierarzt mit einer Spritze an der linken Halsseite unter der Haut platziert. Mit einem speziellen Lesegerät kann die Chipnummer jederzeit abgelesen werden. Weil aber eben nur eine 15-stellige Nummer und keinerlei Daten über den Besitzer auf dem Chip gespeichert sind, muss die Nummer registriert werden, am besten bei Tasso, dem größten europäischen Haustierregister. Passiert dies nicht, weiß immer noch keiner, wem der gechippte Hund gehört. In den noch fehlenden Ausführungsbestimmungen zum neuen Hundegesetz muss also zusammen mit der Kennzeichnungspflicht festgelegt werden, dass der Tierarzt die Chipnummer zusammen mit dem Namen und der Adresse des Besitzers bei Tasso anmelden muss. Wechselt ein Hund den Besitzer, muss der Besitzerwechsel gemeldet werden.

Ich halte es für sehr sinnvoll, seinen Hund eindeutig mit einem Mikrochip zu kennzeichnen. Aber die Kennzeichnungs- und Registrierungspflicht wird keinen einzigen Beißunfall verhindern. Von Vorteil ist es aber, dass sich nach einer Beißattacke künftig einfach feststellen lässt, wem ein Hund gehört.

» Pflicht zum Abschluss einer Tierhalterhaftpflichtversicherung

Jeder Hundehalter sollte eine Tierhalterhaftpflichtversicherung abschließen. Schließlich muss ich mich auch als Autofahrer versichern für den Fall, dass ich einen Schaden verursache – egal, wie vorsichtig ich fahre. Auch ein angeleinter und gut erzogener Hund kann einen Schaden verursachen, etwa indem er mit einem „Wuff!“ jemanden erschreckt und zu Fall bringt. Die Pflicht zum Abschluss einer Tierhalterhaftpflichtversicherung ist nur zu begrüßen. Indes verhindert diese Verpflichtung auch keinen einzigen Beißunfall. Nach einer Attacke kommt aber auf jeden Fall jemand, nämlich die Versicherung, für den entstandenen Schaden auf.

» Sachkundenachweis / Hundeführerschein

Wer einen Hund halten will, sollte dafür geeignet sein. Das ist eigentlich selbstverständlich. Schwierig aber ist es, diese Eignung nachzuweisen. Das neue Gesetz sieht vor, dass Hundehalter, die zwei Jahre durchgängig einen Hund besaßen, automatisch als sachkundig gelten. Diese Stelle ist der größte Knackpunkt der Gesetzesnovelle. Denn selbst wenn jemand, der zwei Jahre lang einen Cavalier King Charles Spaniel gehalten hat, ohne dass dieser die Nachbarskinder gefressen hat, dann hat dieser jemand noch lange nicht automatisch die Kenntnisse und Fähigkeiten, einen Herdenschutzhund über die Georgstraße in Hannover zu führen.

Dass Hundetrainer und Hundeschulbesitzer Niedersachsens Politikern auf die Schultern klopfen, ist logisch. Schließlich ist ihr Auskommen gesichert, wenn sie den noch genauer zu definierenden Hundeführerschein, den Neuhundbesitzer machen müssen, abnehmen dürfen. Sogar ein aus dem TV bekannter „Hundeprofi“ hat schon an Landwirtschaftsminister Lindemann geschrieben, weil er gern Schulungen zum Hundeführerschein in Niedersachsen anbieten möchte. Er wittert wohl ein gutes Geschäft.

Niedersachsens Hundehalter müssen den Sachkundenachweis erst am 1. Juli 2013 nachweisen können. Wer also einen Hund hat, sollte ihn jetzt schleunigst bei der Stadt anmelden. Am Ende, dieser Eindruck entsteht, dient die Einführung des Hundeführerscheins doch wohl am ehesten der Sicherung von Steuereinnahmen. Schließlich ist es der Hundesteuerbescheid, mit dem ein Hundehalter nachweisen kann, dass er einen Hund hält.

Gegen einen Hundeführerschein spricht prinzipiell gar nichts. Und dass Niedersachsens Hundehaltern zwei Jahre Zeit eingeräumt werden, ist ausreichend. Also warum soll nicht jeder Hundehalter beweisen, dass er sachkundig ist? Wichtig ist dabei, dass Kosten für Kurs- und Prüfungsgebühren in einem anständigen Rahmen bleiben. Hunde dürfen keine Luxusgüter werden – obwohl die Freundschaft eines Hundes definitiv ein kaum zu bezahlender Luxus ist.

Mehr sachkundige Hundehalter können die Zahl der Beißvorfälle auf jeden Fall verringern. Dass all diejenigen, die schon mal zwei Jahre lang Hundesteuer gezahlt haben, von der Pflicht, ihre Sachkunde nachzuweisen, befreit werden sind, ist das größte Manko des neuen Hundegesetzes. Dieser Bestandsschutz verhindert, dass das neue Gesetz die gewünschte Wirkung entfalten kann.

Kaum durchsetzbar, aber wünschenswert wäre es, wenn jeder, der einen Hund halten möchte, schon vor Anschaffung einen Hundeführerschein ablegen müsste. Autofahren darf man ja auch erst nach der bestandenen Prüfung. Das hätte den Vorteil, dass sich der Hundehalter in spe erst über die Eigenschaften der verschiedenen Hunderassen informieren müsste, bevor er die Entscheidung für einen bestimmten Hund fällt. Die meisten Beißunfälle sich tatsächlich Unfälle, die aus Unwissenheit entstehen. Nur in den allerseltensten Fällen beißt ein Hund, weil er „scharf gemacht“ wurde.

Imke Niewöhner

Jetzt seid ihr dran: Was haltet ihr von den neuen Vorschriften für Hundehalter? Nutzt die Kommentarfunktion, um mit Imke und mir sowie anderen Hundehaltern zu diskutieren. (Hinweis: Ihr könnt euch per E-Mail über neue Kommentare benachrichtigen lassen. Dazu einfach das entsprechende Häkchen setzen.)

6 Kommentare

  1. Chip einverstanden. Haftpflicht brauchen wir nicht zu diskutieren ist pflicht sowieso.
    Sachkundenachweis ist so wie es jetzt verabschiedet wurde völlig daneben. Jeder aber wirklich jeder muss einen Nachweis bringen und nicht nur die Neu Hundehalter. Wie Du schon sagts wer eine Pudel geführt hat kann noch lange nicht einen Schäferhund halten. Ich bin völlig Deiner Meinung das dieser Punkt nur halbherzig verabschiedet wurde und nicht unter dem Aspekt von Beißunfällen. Da haben wieder die Herren Politiker sich nicht recht beraten lassen. Und das alles bringt sowieso nichts wenn es nicht auch kontrolliert wird. Also die Herrschaften die das verabschiedet haben denkt doch einfach noch einmal darüber nach.

  2. Die Herrschaften, die das verabschiedet haben, denken nicht nach. Ihr Arbeitsprinzip ist nicht, Probleme zu lösen, sondern den Anschein zu erwecken, sie lösten Probleme.

    Das Problem der sogenannten Beißunfälle ist nicht zu lösen, solange es Hundehalter gibt, die die Eigenarten ihrer Hunde nicht kennen (wollen)und nicht entsprechend handeln. Daran wird nicht mal ein allgemeiner Hundeführerschein etwas ändern – oder hat die Pflicht zum Autoführerschein etwa dazugeführt, daß es keine Verkehrsunfälle mehr gibt?

    Man kann das Übernehmen von Verantwortung nicht verordnen. Man kann es nur vorleben. Die Herrschaften, die hierzulande die Politik bestimmen, sind nicht unbedingt dafür geeignet.

  3. Ich frage mich, wie Mensch und Hund über Jahrtausende miteinander ohne Gesetze, Steuern und Versicherungen miteinander gut ausgekommen sind. Wenn dies heute plötzlich nicht mehr so ist, so liegt das Problem vielleicht ganz woanders?

    Sicher: Sachkunde, Haftpflicht, Steuermarke und Chip haben wir auch. Aber noch wichtiger sind doch Tierliebe,Rücksicht und Verantwortungsbewusstsein. Die Leute, die das nicht haben,
    wird man auch mit solch einem Hundegesetz nicht erwischen,
    stattdessen werden vor allem jene am Ende die Rechnungen zählen, deren Hundehaltung keine Probleme bereitet. Und die Toleranz zwischen Hundemenschen und Nicht-Hundemenschen wird solch ein Gesetz auch nicht befördern, stattdessen die zum größtenteil durch gewisse Medien geschürten Vorurteile und tweilweise sogar Hysterie bestärken. Hunde in unserem Leben sind zunächst einmal kein Problem, wie uns die Politiker einreden wollen, sondern eine Bereicherung.

  4. Es geht doch darum, dass man vorher nicht prüfen kann, wie ein Hund erzogen wurde und kein Hundebesitzer weiß, was wirklich in seinem Hund vor geht. Das war bei meinem auch nicht anders. Er hat zwar nie gebissen, aber als er sich mal erschrak, hat er auch einfach mal zugeschnappt. Deswegen halte ich den Leinenzwang schon für verständlich

  5. Ich muss Bianka zustimmen, einen Sachkundenachweis ist auch in meinen Augen ein Muss. Unabhängig von Rasse und Größe des Hundes. Es gibt viele Hundebesitzer die besitzen zum Beispiel einen Yorkshire Terrier und trauen sich nicht einmal vernünftige Fellpflege bei ihrem eigenen Hund durchzuführen. Wie sieht das dann mit einem Rottweiler aus der an der Leine macht was er will.

  6. Mal von allem abgesehen, schwarze Schafe unter Hundehaltern gab es schon immer! Es ist ja wohl selbstverständlich, dass man seinen Hund ausführt und ihn artgerecht hält. Das tun auch die meisten. Das Gesetz ist mir daher egal. Wer will das denn prüfen. Dieses Neue Gesetz soll doch nur einen neuen Heiligenschein für das Landschaftsministerium bringen. Besagte Dame sollte sich doch bitte mal um den Glyphosat Einsatz in unserer Nahrung kümmern und endlich Antibiotika Missbrauch in der Tierhaltung abschaffen. Diese Tierhaltung in Mastbetrieben, das ist eine Riesen “ Sauerei”! Das sind jeden Tag viele Tiere! Das soll nun nicht heißen, dass ich nun gut finde, wie manche ihre Hunde behandeln. Für Bestimmte Rassen braucht man Nachweise. Damit meine ich die armen Szene Hunde! Frau Glöckler sollte sich doch mal primär auf ihren eigenen Stall konzentrieren. Was durch die Medien geht ist alles andere als Tierwohl!

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