PS gesucht – Was es bedeutet, eine Pflegestelle für „Border Collie in Not“ zu sein

Das ist mal wieder typisch! Das ist häufig der erste Gedanke, wenn man eine Annonce liest wie diese: „Border-Collie-Hündin mit super Hütetrieb: Hope ist 1,5 Jahre alt, tricolor, mit anderen Hunden verträglich. Mit meinem neuen Job habe ich leider keine Zeit mehr, sie auszulasten …“ Oder diese: „ Wir müssen unseren kleinen Border-Rüden leider abgeben, weil wir ihm durch einen Berufswechsel zeitlich nicht mehr gerecht werden. Er ist sieben Monate alt …“

Ein manchmal sicher auch nur vorgeschobener Berufswechsel ist ein typischer Grund, weshalb der Traumhund plötzlich weg soll. Im besten Fall nehmen die Besitzer direkt Kontakt mit „Border Collie in Not“ (BCiN) auf, der Tierschutz-Initiative der Arbeitsgemeinschaft Border Collie Deutschland (ABCD). Häufig genug wird das Schätzchen aber über den „Heißen Draht“ oder die Ebay-Kleinanzeigen vertickt. Klappt das nicht, landet der Hund im Tierheim. Und das nimmt hoffentlich den Kontakt zu BCiN auf. Dann muss erst mal eine Pflegestelle her für den Hund, denn typisch an derlei Geschichten ist es leider auch, dass der Border Collie anders ist, als in der Verkaufsanzeige beschrieben. Eine Vermittlung gelingt aber in der Regel nur dann gut, wenn der neue Besitzer weiß, was er bekommt.

Das Öffnen der meist schwarz-weißen Überraschungspakete passiert in der Pflegestelle (PS) …

Weil jeder Hund eine Überraschung birgt – und das ist nicht immer eine schöne –, lässt sich nicht genau vorhersagen, was derjenige, der die PS bietet, zu tun haben wird und wie lange es dauern wird, bis der Pflegling vermittelbar ist beziehungsweise vermittelt ist. So ehrlich muss man sein. Es ist dennoch eine tolle Erfahrung, einem Border Collie in Not eine PS zu bieten, ein kleines Plüschmäuschen auftauen zu sehen oder das erste Mal das gewisse Etwas in den Augen eines Hundes zu sehen, der bis dato als Bällchenjunkie sein Leben fristete.

Nina Krainz hat zwei Geschichten aufgeschrieben, die zeigen, wie es laufen kann:

Piefkes Geschichte

Ende Dezember 2004 bekomme ich über die Border-Collie-Nothilfe von zwei ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen eines Tierheims bei Berlin eine E-Mail, in der steht, dass ein Border-Collie-Mischling dort wegen Nicht-Vermittelbarkeit eingeschläfert werden soll. Sein schlechtes Verhalten sei nicht zu korrigieren, heißt es. Doch die beiden ehrenamtlichen Tierheimmitarbeiterinnen teilen diese Einschätzung nicht und wenden sich an BCiN, damit Piefke gerettet wird. Piefke war zuvor vom Amtsveterinär von alkohol- und drogenabhängigen Menschen beschlagnahmt worden.

Wir mailen einige Male hin und her, und ich kann Piefke einen Platz im Sylter Tierheim verschaffen. Die beiden Damen vom Berliner Tierheim, Mutter und Tochter, bringen mir Piefke Anfang Januar 2005 nach Hause und übernachten bei uns, sodass wir in Ruhe alles besprechen können.

Er verhält sich so weit ruhig, wir halten ihn zunächst an der Leine im Haus, da er gern markiert und nicht sicher ist, wie er sich gegenüber unseren Hunden verhält. Am nächsten Tag bringe ich ihn ins Sylter Tierheim. Da er sich extrem Testosteron-gesteuert verhält, wird er kastriert. Piefke kommt im Tierheim zwar gut klar, aber nach der OP nehme ich ihn dann doch zu mir nach Hause, denn ihm fehlt jegliche Ansprechbarkeit und Erziehung, und so kann ich den Zeitaufwand für das Training von Zuhause aus besser steuern.

Piefke benimmt sich wie die Axt im Walde, er prollt den Chef unseres Rudels massiv an, markiert im Haus, verschafft sich massig Ärger mit den anderen Hunden im Hundeverein, knurrt bei jeder Gelegenheit, hört nicht die Bohne. Ein ganzes Stück Arbeit! Wir haben ihn wochenlang an der Schleppleine, er ist aber überall mit dabei, wir nehmen ihn mit zu Seminaren mit Anne Krüger und so weiter und so fort. Mit der Zeit sind wir zunehmend zufriedener mit seinem Verhalten; auch als Reitbegleithund macht er sich gut, und die Kastration zeigt ebenfalls ihre Wirkung.

Etwa um März rum können wir ihn vermitteln, bekommen ihn jedoch nach etwa 14 Tagen zurück, da es vor Ort verschiedene Probleme gab. Über das Sylter Tierheim bekommen wir noch ein, zwei weitere Anfragen für ihn, die sich jedoch als ungeeignet erweisen.

Bis Anfang August 2005 bleibt Piefke also bei uns, wird weiter geschult, und wir sind eigentlich sehr zufrieden mit ihm. Als wir ihn innerhalb des Freundeskreises aufs Festland vermitteln können, freuen wir uns einerseits sehr über diese Möglichkeit, sind aber auch traurig, denn diese kleine Mistmorchel ist uns doch ganz schön ans Herz gewachsen.

Piefke, diese kleine Mistmorchel, ist Nina doch ganz schön ans Herz gewachsen. (Foto: Nina Krainz)

Piefke, diese kleine Mistmorchel, ist Nina doch ganz schön ans Herz gewachsen. (Foto: Nina Krainz)

Im August treffen wir uns noch einige Male mit Piefkes neuen Besitzern – auf der EM in Dänemark, bei ihnen Zuhause in Schleswig, auf Sylt, in Niebüll –, um sie mit Piefke zu schulen. Denn so richtig rund läuft es nicht im neuen Heim. Piefke fällt in seine alten Verhaltensmuster zurück. Dennoch lebt er bis zum heutigen Tage dort. Er ist sicherlich nicht das klassische Modell „Traumhund“, aber seine Besitzer lieben ihn und nehmen ihn so, wie er ist. Ich bin sehr dankbar dafür.

Manches Mal nehmen wir Piefke seit seiner Vermittlung in Urlaubsbetreuung, und bei uns fällt er dann  auch wieder in seine neuen Verhaltensmuster.

Tapos Geschichte

Im Juni 2007 bekomme ich einen Anruf eines Mitglieds des Border-Collie-Forums. Sie hat einen Border-Collie-Mischling entdeckt, der in einer ungarischen Tötungsstation sitzt und – vorausgesetzt es findet sich ein verbindlicher Abnehmer – von einer deutschen Tierschutzorganisation dort rausgeholt werden soll. Nach kurzem Überlegen und einigen organisatorischen E-Mails und Telefonaten erkläre ich mich bereit, den Hund im Namen von BCiN bei mir aufzunehmen. Tapo ist ein junger Rüde, unkastriert, er soll sehr freundlich und nett sein.

Im Juli organisiert die Tierschutzorganisation den Transport nach Deutschland und vereinbart eine Übergabe an einer Autobahn-Raststätte bei Köln. Dort übernimmt ABCD-Mitglied Anne Schüssler den Hund, erledigt alle Formalitäten und bringt ihn einige Tage bei sich unter. Dann reist er weiter zu ABCD-Mitglied Maria Koch, die ihn ebenfalls kurze Zeit bei sich beherbergt. Ich werde in dieser Zeit per E-Mail und telefonisch über seine Machenschaften und sein Verhalten informiert.

Maria bringt den Hund dann einige Kilometer gen Norden, wo er von Mitgliedern des Border-Collie-Forums übernommen und zu mir gebracht wird. Nun könnte man denken, der Hund müsse doch überfordert oder verstört sein von den vielen Umstellungen. Mitnichten. Fröhlich und munter steigt Tapo vor unserer Haustür aus und veranstaltet ein Freudentänzchen.

Tapo hatte nicht viel Erziehung genossen, Abgabegrund in seiner Heimat soll gewesen sein, dass er immer wieder von Zuhause ausbrach, ein echter Künstler seines Fachs. Im August wird Tapo kastriert, lässt viele Herzen schmelzen, weil er so drollig ist. Er lässt sich ansonsten weiter nichts zu Schulden kommen. Er ist zu allen freundlich und auch hunde-, katzen-, pferde- und schafkompatibel.

Einmal gerät er mittags an den Stromzaun bei den Schafen und verschwindet vor Schreck sofort vom Grundstück. Wir fahren überall herum, suchen ihn, fragen Dorfbewohner, informieren TASSO, keiner hat ihn gesehen. Nachts taucht er zum Glück wieder vor der Haustür auf.

Über eine Freundin auf Sylt entsteht der Kontakt zu einem Biologen in der Niederlausitz. Er betreut in einem riesigen ehemaligen Militärgebiet ein Wolfsprojekt, führt auch Besuchergruppen dort herum und sucht einen vierbeinigen Begleiter. Am Telefon ist er mir sehr sympatisch. Weitere Interessenten melden sich für Tapo und stellen sich auch persönlich vor, aber der Biologe macht das Rennen.

Eine Vorkontrolle bei ihm durch ein ABCD-Mitglied verläuft absolut positiv. Da er sehr weit zu fahren hat, treffen wir uns am Rande eines Trialtrainings bei Anne in Melle. Man lernt sich kennen, die Chemie stimmt auf allen Seiten, und Tapo zieht in seine neue Heimat um. Ohne Probleme steigt er in das fremde Auto und rauscht davon. Ich bin wie immer etwas traurig, aber vor allem sehr froh über die gelungene Vermittlung.

Bis heute habe ich Kontakt zu Tapos neuem Besitzer, immer wieder mal bekomme ich E-Mails mit Fotos geschickt. Unter anderem bekam ich ein Bild von Tapo, auf dem er neben einem „Wolfskill“ sitzt und scheinbar den Eindruck erwecken will, als hätte er das Reh erlegt …

Tapo neben einem „Wolfskill“: Er scheint den Eindruck erwecken zu wollen, als hätte er das Reh erlegt. (Foto: Nina Krainz)

Tapo neben einem „Wolfskill“: Er scheint den Eindruck erwecken zu wollen, als hätte er das Reh erlegt. (Foto: Nina Krainz)

Das waren die Geschichten von Piefke und Tapo. Es gibt Hunderte weitere, darunter die beiden von den Hunden aus den anfangs erwähnten Annoncen. Alle Geschichten haben Parallelen und doch sind alle einzigartig – so einzigartig, wie Border Collies nun mal sind.

Was bedeutet es also, einem Border Collie eine PS zu bieten? Findet es am besten selbst raus. BCiN benötigt immer Pflegestellen. Wer sich vorstellen kann, einem Border Collie oder einem Border-Collie-Mix eine Pflegestelle zu bieten, kann sich per E-Mail unter verwaltung@bordercollie-in-not.de oder bei mir melden.

Dieser Blogbeitrag, den ich zusammen mit Nina Krainz geschrieben habe, ist als Artikel in der Vereinszeitschrift der Arbeitsgemeinschaft Border Collie Deutschland erschienen, Ausgabe 02/2011.

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