Rettung von der „Arche Noah“

Vorübergehend die beste Lösung: Nach ihrer Rettung sind diese Collies erst mal in diesem Hühnerstall untergebracht.

Vorübergehend die beste Lösung: Nach ihrer Rettung sind diese Collies erst mal in diesem Hühnerstall untergebracht.

Davon lesen, dass jemand Dutzende Hunde angesammelt hat, sich den Gestank in einem Haus vorstellen, in dem zu viele Hunde zu lange leben mussten, Bilder oder ein Video angucken von verwahrlosten Hunden – das ist eine Sache. In einem Notquartier für solche Hunde stehen – eine andere.

Ich bin diese Woche gleich zweimal in Sachen Tierschutz unterwegs gewesen. Gestern habe ich eine Freundin nach Rädel in Brandenburg begleitet. Sie hat zwei Border Collies abgeholt, die am Mittwoch zusammen mit mehr als 50 weiteren Hunden und anderen Tieren vom Grundstück einer alleinstehenden älteren Frau in einem Ort der Gemeinde Kloster Lehnin gerettet worden waren. Der Ausflug hat bleibende Eindrücke hinterlassen.

Das Haus, in dem die Frau jahrelang Tiere gehortet hatte, heißt im Dorf „Arche Noah“. Man hat Mitleid mit der Frau – und ist zugleich entsetzt angesichts des Leids der vielen Tiere. Vorübergehend wurde ein Großteil der Tiere auf dem nahe gelegenen Ökohof Rädel untergebracht. Einige konnten gleich in Pflegestellen ziehen, die Tierschützer organisiert haben. Im Fall „Arche Noah“ läuft es wie in anderen auch: Viele Nothilfeorganisationen kümmern sich vorrangig um eine bestimmte Rasse; und so sorgte die ABCDTierschutzinitiative „Border Collie in Not“ für die Unterbringung der beiden Border Collies.

Ganz schön niedlich: links der kleinere, rechts der größere und etwas schüchternere der beiden Border-Collie-Brüder.

Ganz schön niedlich: links der kleinere, rechts der größere und etwas schüchternere der beiden Border-Collie-Brüder.

Es sind zwei Brüder, sogenannte Weißtiger, also homozygot merle und daher höchstwahrscheinlich taub. Sie lebten im Zwinger, ihr Fell ist verfilzt, aber gar nicht so arg. Trotz des dicken Winterfells kann man jeden Knochen spüren, denn die beiden sind klapperdürr. Ihr Alter liegt wohl zwischen ein und vier Jahren. Grob würde ich sie auf zwei bis drei schätzen. Sie kuscheln sehr gern. Anstandslos lassen sie sich Halsbänder umbinden und mit einem Flohmittel behandeln. Als nächstes brauchen sie noch Wurmkuren und ein Schaumbad.

In dem Hühnerstall, der derzeit als Notquartier für einige der geretteten Hunde herhält und in dem auch die beiden Border-Collie-Jungs untergebracht waren, stinkt es erbärmlich. Die Duftmischung aus Hühnerdreck und verwahrlosten Hunden ist wahrlich atemraubend. Am schlimmsten aber ist der Blick in die Augen der Hunde. Sie tragen – sofern von ihrer Rasse oder Mischung mehr als zwei gefunden wurden – Zettel mit Nummern drauf an den Halsbändern, die ihnen tags zuvor die Amtsveterinärin umgebunden hat. Es gibt eine Liste mit Namen. Doch keiner weiß, welcher Name zu welchem Hund gehört. Nicht mal die ehemalige Besitzerin der Hunde. Genug Namen für alle Hunde stehen ohnehin nicht drauf.

Notquartier Hühnerstall: Am schlimmsten ist der Blick in die Augen der Hunde.

Notquartier Hühnerstall: Am schlimmsten ist der Blick in die Augen der Hunde.

Eine gute Stunde mussten wir warten, als wir gestern ankamen, bevor die Amtstierärztin uns die Hunde übergeben konnte. Denn sie hatte bei der Nachkontrolle etwa zwei Dutzend weitere Hunde entdeckt, die die Frau zuvor versteckt hatte. Und die mussten erst einmal dokumentiert und untergebracht werden. Mit dem Wort „Filzknäuel“ werde ich nie wieder etwas Niedliches assoziieren… Dass alle Hunde überleben werden, möchte ich bezweifeln, denn einige sind wohl zu stark abgemagert.

Die Rettung von der „Arche Noah“ zählt trotz allem noch zu den besseren Fällen, denn die offenbar kranke Frau hat ihren Tieren zuletzt etwas Gutes getan, indem sie auf das Eigentum an ihrem Zoo und der gänzlich aus dem Ruder gelaufenen Hundezucht verzichtete. So musste das zuständige Veterinäramt Potsdam-Mittelmark die Tiere nicht beschlagnahmen. Sie können alle sofort vermittelt werden. Wer helfen kann und möchte, kann mit dem Veterinäramt in Brandenburg unter der Telefonnummer (03381) 533–271 Kontakt aufnehmen.

Der größere der beiden Border Collies lebt jetzt erst mal bei uns auf dem Hof und hat den Namen Sammy bekommen. Sein Bruder zog gestern Abend noch in eine eigene Pflegestelle nur gut zehn Kilometer entfernt. Für die beiden hat der Schrecken ein Ende. Sie werden aufgepäppelt und dürfen endlich die Welt entdecken.

5 Kommentare

  1. Hallo Inka, das freut mich das die beiden erst einmal gut untergekommen sind. Mich würde es ja auch sehr reizen mich als Pflegestelle zur verfügung zu stellen. Aber jetzt kommt das aber als Züchterin und mit Fox im Rudel ist das sehr schwer, aber vieleicht passt es ja doch einmal wennkeine Welpen in Planug stehen. Für die beiden erst mal das aller beste, sie sind ja noch jung und können jetzt alles nachholen was sie bis jetzt versäumt haben. Was ist mit den armen Hunden die es womöglich nicht schaffen. Echt zum heulen.
    viele liebe Grüße aus Klein Berkel

  2. Pingback:An der Leine – Hundeleben in Hannover » Das schmutzige Geschäft mit traurigen Geschichten

  3. Liebe Inka,

    ich ziehe meinen Hut vor Dir, Deiner Freundin und den Tierschutzvereinen, die diese Hunde aufgenommen haben und nun ein liebevolles Zuhause für sie suchen.

    Viele Grüße
    Kerstin

  4. Danke, Kerstin, leider sitzt der größere und etwas schüchternere der beiden Brüder auch nach über einem Jahr hier noch rum. Dabei ist er ein extrem liebenswertes Kerlchen, das einfach nur gern einen Menschen hätte, den er durch ein möglichst nicht allzu stressiges Leben begleiten darf.

  5. Christine Fischer

    Nun ja, Rumsitzen trifft es wohl nicht ganz. Sammie genießt das Landleben mit freiem Auslauf auf dem weitläufigen Grundstück, spannenden Ausflügen auf die Schafweiden und reichlichem Angebot an Spielpartnern. Wobei er die Hundedamen den Herren eindeutig vorzieht. ;-) Zwei Vermittlungsversuche sind bisher leider gescheitert, da Sammie das „normale“ Hundeleben im städtischen Umfeld offenbar als zu stressig erlebt, vermutlich gerade deswegen, weil er als gehörloser Hund optische Reize intensiver wahrnimmt. Sicher hätte er gern einen Menschen ganz für sich, aber ich bin sehr zuversichtlich, dass genau das richtige Zuhause irgendwo auf ihn wartet. Bei der Vermittlung so spezieller Hunde wie Border Collies – und dann auch noch mit dieser Vorgeschichte – muss man schon ein wenig Geduld haben.

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