Gastbeitrag: Mein Leben als Düsseldorfer Hundehalterin mit einem 20/40-Hund

Angelika Weller und ihre 20/40-Hündin Surprise. (Foto: Angelika Weller, www.pfoten-im-takt.de)

Angelika Weller und ihre 20/40-Hündin Surprise. (Foto: Angelika Weller, www.pfoten-im-takt.de)

Niedersachsen soll endlich ein neues Hundegesetz bekommen. Es könnte dem Landeshundegesetz in Nordrhein-Westfalen (NRW) ähneln, das bereits Ende 2002 in Kraft getreten und wegen der sogenannten 20/40-Regelung bekannt geworden ist. Angelika Weller lebt in Düsseldorf. Im Hundeblog teilt sie ihre ganz persönlichen Erfahrungen:

Im Jahr 2000 ging es los, meine Hündin Laura war gerade über die Regenbogenbrücke gegangen und Surprise noch nicht geboren. Großer Aufstand in Düsseldorf; Vereine wurden gegründet gegen die damalige Landeshundeverordnung. Aggressive Gespräche bei den Hundehaltern, aber überwiegend bei denen mit unerzogenen Hunden, die sich sonst auch überhaupt nicht darum scherten, sei es, dass ihre Hunde Mensch und Tier belästigten oder auch um die Hinterlassenschaften.

Six Feet for Freedom“ veranstaltete einen großen Demolauf von Aachen nach Düsseldorf. Ich schrieb dafür ein Titellied und machte aktiv mit, da zu viele Hunderassen zu unrecht auf den Listen I und II aufgeführt waren.

Was sind denn die Auflagen an einen Hundehalter mit einer Hündin wie meiner, mit einem Malinois-Podenca-Mix, also einem 20/40-Hund, einem Hund, der ausgewachsen mehr als 20 Kilogramm wiegt oder größer als 40 Zentimeter (Widerristhöhe) ist:

  1. Der Hund muss gechippt sein – okay, wo liegt das Problem? Früher waren meine Hunde tätowiert vom Tierarzt oder wie Schäferhündin Laura vom Züchter.
  2. Der Hund muss versichert sein – okay, wo liegt das Problem? Das ist doch üblich.
  3. Der Hund muss gegen Tollwut geimpft sein – okay, wo liegt das Problem?
  4. Hundesteuer muss gezahlt werden.
  5. Anmeldung beim Ordnungsamt unter Vorlage der o.g. Unterlagen, incl. Nachweis der Sachkunde bei 20/40er Hund – für mich kein Problem, denn ich mache seit über 20 Jahren Hundesport. Nach Vorlage aller Unterlagen erhält der Hundehalter einen Ausweis (Scheckkarte), die immer mit im „Gepäck“ sein soll.
  6. Auflagen für die Besitzer von Listenhunden – Bei Liste I muss ich sagen, das war notwendig. Im Düsseldorfer Raum wurde die Zahl der Staffs und Co. überwiegend in absolut ungeeigneter Hand ein wirkliches Problem. Es gab immer mehr Obdachlose, die versuchten durch Vorzeigen ihres Hundes die Passanten auf bedrohliche Weise um Geld anzugehen. Ich möchte betonen, damit sind nicht die Hundehalter gemeint, die mit ihrem Familien-Staff leben.

Und jetzt gehen die Probleme los:

Sachkundenachweis, ein Fragenkatalog, die Antworten liegen auch vor, brauchen nur noch auswendig gelernt werden. Zuerst hieß es, Test nur bei der Tierärztekammer, später konnten diese Fragebögen bei jedem Tierarzt ausgefüllt werden. Das war alles, keine praktische Prüfung des Hundehalters mit seinem Hund. Der Hund musst auch nicht vorgezeigt werden.

Sehr wenige haben diesen Sachkundenachweis erworben. Warum auch, sie wurden nur einmalig in einem Rundschreiben mit den Hundesteuermarken von der Stadt angeschrieben. Etliche Freunde haben damals auf einen persönlichen Brief gewartet. Es ist nie einer gekommen. Die Stadt Düsseldorf hat seinerzeit gedroht: „Wenn Du erwischt wirst ohne die Halterkarte,  dann…“ In meinem Freundes- und Bekanntenkreis hat in zehn Jahren niemand seine Karte vorzeigen müssen.

Hundehalter mit freilaufenden Hunden im Anleingebiet können problemlos die Polizeistreifen passieren, denn die Hundekontrolle fällt ins Aufgabengebiet des Ordnungsamtes, bei uns heißt das OSGD (Ordnungs- und Servicedienst) aber das ist nur das Aufgabengebiet bestimmter Mitarbeiter. Die Parkknöllchenschreiber sind nicht berechtigt, Hundehalter auf ihr Fehlverhalten hinzuweisen.

Der Wesenstest für Gruppe I und II der Listenhunde müsste dringend von Sachkundigen überarbeitet werden. Die Kurse finden meist auf Hundeplätzen statt, ein Kadavergehorsam wird erwartet. Äußerst bösartig finde ich den Prüfungspunkt, bei dem ein Ball geworfen wird – der Hund darf aber nicht hinterherlaufen, sonst hat er den Test nicht bestanden.

Aber hallo! Wenn ich einen Listenhund habe, den ich bewegungsmäßig mit einem Ball im umzäunten Gebiet auslasten kann – frei darf er ja nicht laufen ohne Wesenstest – und den ich erst mal total platt machen muss, damit er am Prüfungstag nicht seinem Ball nachläuft, kann das doch nur gegen jede Sachkenntnis des Prüfers sein. Bei vielen Listenhunden ging der Schuss nach  hinten los. Vor dem Training für den Wesenstest war der Hund absolut unauffällig, aber danach wurde er zur Gefahr. Das ist eine verdammte Schweinerei.

Wenn ich dann bedenke, wie bei den Gebrauchshundevereinen die Hunde durch die Begleithundeprüfung geluscht werden, obwohl sie andere Hunde anpöbeln, nicht im Straßenbereich leinenführig sind oder sogar versuchen, den Radfahrer zu fangen…

Meine Surprise hat die Begleithundeprüfung in einem SV-Verein nicht geschafft. Erstmal war der Richter zu ungeschickt (mal nett ausgedrückt), um den Chip zu finden. Er kritisierte ihren leicht eingezogenen Schwanz, nachdem er zehn Minuten lang versucht hatte, den Chip  zu scannen. Den Platzteil der Prüfung haben wir zwei trotzalledem bestanden. Nur der Straßenteil ging schief. Meine Hündin ist sehr empfindlich gegen Scheppern und Krach. Der Richter hat ihr ein großes Blechtablett fast auf die Zehen geschmissen und sie ist drei Schritte zurückgegangen und hat ihn fassungslos angeschaut. Anschließend hat er mit der Trillerpfeife fast direkt in die Hundeohren gepustet. Das fand sie auch nicht gut. Das war es dann. Des Richters Urteil lautete: „Der Hund hat extreme Wesensmängel, ist absolut nicht verkehrssicher und sollte nicht mehr im Straßenverkehr geführt werden.“

Im vergangen Jahr hatte ich die Möglichkeit, diesem Mann mal unsere schönen Fotos von Auftritten auf Messen, drinnen und draußen, bei Veranstaltungen, vom Dog Day usw. zu zeigen. Er meinte daraufhin, dann hätte sich der Hund eben geändert. Ich habe ihm dann gesagt: „Da werden auch nicht sinnlos Blechtabletts auf Hundefüße geschleudert.“ Er hat sich daraufhin sehr schnell entfernt.

So, jetzt aber zu den Hundehaltern, denen wir derlei Verordnungen zu verdanken haben. Im Landeshundegesetz sowie in der Düsseldorfer Straßenordnung ist festgelegt, wie und wo ich meinen Hund ordnungsgemäß zu führen habe. Aber gewisse Leute können nicht lesen. Wir haben Anleinpflicht auf Straßen, im bebauten Gebiet, in Parks, im Wald, etc. Als Freilaufgebiet haben wir in Düsseldorf die Rheinwiesen linksrheinisch von Heerdt bis Lörick. Stundenlange Spaziergänge sind möglich. Festgesetzt ist jedoch: Freilauf erst ab unterem Deich. Auf den anderen Deichen sind Spaziergänger und Radfahrer unterwegs, und eine Belästigung soll verhindert werden.

Was machen aber viele unserer bequemen Hundehalter: Oben auf der Promenade Autotür auf, Hund raus, der rast über zwei Deiche und Deichvorland. Manchmal steht ein Fahrradfahrer im Weg – und der liegt dann auf dem selbigen oder es gibt zwischendurch mal eine heftige Beißerei mit einem ordnungsgemäß noch angeleinten Hund. Wer aus ist-ja-egal-welchen Gründen seinen Hund im Freilaufgebiet an der Leine führt, etwa weil er jagen ginge ansonsten, hat auch schlechte Karten. „Hier ist Freilaufgebiet; sie müssen die Leine abmachen oder hier verschwinden“, heißt es. So viel zur Sachkunde.

Auf Düsseldorfer Straßen dasselbe Spiel: Hundehalter mit angeleintem Hund muss Land gewinnen, wenn freilaufende Hunde unkontrolliert angepest kommen. Meine Surprise wurde auf diese Weise fünfmal gebissen, wir konnten nirgendwo hin ausweichen.

Einen Hundehalter zu bitten, seinen Hund doch wenigstens ranzurufen, bis der andere Hund vorbeigegangen ist, wird meistens mit höhnischem Gelächter quittiert: „Wenn ihr Hund nicht gehorcht, müssen sie eben in die Hundeschule!“ Ich denke dann: „Aber meiner gehorcht doch, läuft brav angeleint neben mir und wird von einem freilaufenden attackiert… Sind die verantwortungsvollen Hundehalter denn alle beschränkt?“

Gleichzeitig mit der Bekanntgabe der Anleinpflicht in Parks wurden sinnigerweise die Schilder entfernt, auf denen „Hunde sind anzuleinen“ steht, also lässt nichtdenkender Hundehalter natürlich seinen Hund im Park von der Leine. Interessant ist auch der Passus der Stadtordnung, dass auch angeleinte Hunde nicht die Rasenflächen betreten dürfen. Fußballspielen ist aber erlaubt. Muss man nicht verstehen.

Was hat uns also das Hundegesetz gebracht in NRW?

  • Seit zehn Jahren nimmt die Zahl der großen Hunde hier erschreckend zu.
  • Die Neu-Hundehalter sind keineswegs sachkundig, wissen noch nicht einmal, dass es eine Sachkundeprüfung gibt. Wird ja auch nicht überprüft.
  • Die dubiosen Hundetrainer nehmen zu, auch Teletakt wird im Schutz der Rheinwiesen benutzt. Wird ja auch nicht überprüft.
  • Die Hundehalter, die immer schon korrekt mit ihren Hunden umgegangen sind, werden müde belächelt für ihre Rücksichtnahme anderen gegenüber.
  • Die Tierheime sind voll mit Langzeitgästen (Listenhunden), da mancher Hundehalter zwar seinen Hund korrekt geführt hat, aber ihm Altlasten eine Hundehaltung nachträglich verwehrten.
  • Die Beißunfalle haben sich in den vergangenen Jahren vermehrt…
    a) durch Hunde, die im Stadtverkehr frei laufen
    b) oder in Freilaufgebieten durch Hundehalter, die sämtliche Telefongespräche bei ihren Spaziergängen erledigen und ihrem Hund die Möglichkeit geben, sich selbst zu verwirklichen.
  • Die vielen verantwortungsvollen Hundehalter werden übersehen.

Also, was hat uns das Hundegesetz in NRW gebracht?

Angelika Weller

» Zur Diskussion über die geplanten neuen Vorschriften in Niedersachsen.

5 Kommentare

  1. Hallo Angelika,

    vielen Dank für diesen wunderbaren Beitrag. Ich stimme dir völlig zu. Und zwar in allen Belangen. Ich mache gern Urlaub – mit Hund – in NRW und habe schon so einiges gesehen, was es 1. sicherlich überall auch gibt, aber 2. vor allem in NRW häufig für einen faden Beigeschmack sorgt.

    Dagegen muss etwas getan werden. Z.B eine praktische Prüfung, wo ist das Problem?

    In diesem Sinne,

    Gabriela Kropitz.

  2. Hallo Gabriela,

    praktische Prüfung ist in Düsseldorf nicht vorgesehen und beim LHG in NRW.
    Die Hunde, die bei einem Verein Begleithundprüfung, Teamtest, Augsburger Modell mitmachen, gehorchen anschließend (meistens) nur auf dem Hundeplatz, weil viele Vereine nicht praxisnah arbeiten, und sich überhaupt nicht im LHG NRW auskennen. Da lassen selbst s.g. Trainer ihre Hunde im Anleinbereich frei. Die Prüfungen müssen von einem offiziellen Richter abgenommen werden, beim Team-Test reicht auch Bewerter (richtet sonst THS). Hundetrainer wie ich haben nicht das Recht solche Prüfungen durchzuführen. Meine Pfoten laufen auch nicht mit Kadavergehorsam, Beinkleb, Kopf schief. Meine Pfotenschüler und ihre Menschen wissen, wie Hund/Mensch sich benehmen soll um nicht angenehm aufzufallen.

    Hab jetzt Übungskurse angeboten und dem Motto „Düsseldorfer Stadthunde sind gesellschaftsfähig“ erst Einzeltraining für das Team Hund/Mensch, dann mit Gruppe Training in der Stadt, Restaurant und und und…..Schlusstraining ist Besuch im Krefelder Zoo. ……..bisher noch keine Anmeldung!

    Gerade die Hundemenschen, die uns dieses Gesetz angetan haben, interessiert ist nicht die Bohne ….

    Kopfrauf und lieben Gruß aus Düsseldorf
    von Angelika und Surprise

  3. Das mit der praktischen Prüfung ist schon ein echtes Problem, denn wer legt fest, wer die wie abnehmen darf? So lange sich jeder Hundetrainer nennen darf… Nichts gegen dich, Angelika, aber ich bin dagegen, dass jeder, der eine Hundeschule hat, derlei Prüfungen abnehmen darf.

    Dein Übungskursusangebot finde ich prima!

  4. Hi Inka,

    damit hast Du absolut Recht – Hundeschule – und Hundeschule trennen Welten. Ich meine damit auch nicht dass jeder/jede die, der sich einen Gewerbeschein abholt, auch solche Prüfungen abnehmen kann und sollte.

    Meine Idee wäre, dass eine übergeordnete Stelle, die nicht nach den Bedingungen der DVD/SV usw. Hunde und ihre Menschen beurteilt sondern mit Verstand die Leistung, aber auch Probleme des Teams Mensch/Hund sieht und beratend hilft.

    Die Hundetrainer könnten einen Aufgabenkatalog erhalten über Prüfungsaufgaben und ihre „Schüler-Teams“ entsprechend vorbereiten.

    So eine Prüfung sollte aber am alltäglichen Leben ausgerichtet sein und am Umfeld des Menschen. Ein Landhund braucht nicht unbedingt einen Stadtspaziergang kennen – sollte aber an einer Schafherd cool vorbeigehen können.

    Jeder Hundehalter sollte wissen, dass er mit Freilauf auf befahrenen Straßen seinem Hund keinen Gefallen tut – sondern ihn einer Gefahr aussetzt.

    Viele Dinge sind wichtig, nicht ob ein Hund sich langsamer setzt oder platzt.

    Einfach so denken – wie führe ich meinen Hund sicher mit Rücksicht auf andere Menschen und Hundehalter und kann ihm trotzdem – oder gerade deshalb – ein tolles Hundeleben bieten.

  5. Angelika, ich bin 100%ig deiner Meinung!

    Als Pflegestellenversager und damit Nothundehalterin führe ich Hunde, die erst mal keinen Hundeführerschein nach aktuellem Muster bestehen würden, aber ich bilde mir ein, dass ich weiß, was ich tue. Mit Pitú bin ich in den ersten Wochen nur nachts auf einsamen Wegen gegangen, damit er frei laufen konnte, ohne dass ich ständig Angst haben musste, dass gleich ein Kind auf einem Skateboard um die Ecke kommt. Vier Jahre hat es etwa gedauert, bis er halbwegs „normal“ war und nicht mehr am Gentle Leader (viel besser als das Halti) durch die Stadt gehen musste.

    Gestern ist er frei mit drei Kindern zwischen zweieinhalb und fünf durch den Wald getobt. Jüngst habe ich ihn sogar mit einem Kleinkind zusammen auf dem Sofa allein gelassen. Kinderkanal. Ganz entspannt. (Anmerkung: Ich war im Zimmer nebenan, nicht wirklich weg.)

    Mein irres Whiskytier muss sich nicht wie meine Grappamaus auf dem Weihnachtsmarkt amüsieren können. Sie lebt auf dem Land. Da ist es tatsächlich viel wichtiger, dass sie an einer Pferdekoppel vorbeigehen kann, ohne Wuff zu sagen.

    Wir, die wir uns all‘ diese Gedanken machen, sind aber ohnehin nicht die, weshalb Hundegesetze verschärft werden…

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