Himmel, fahrt zur Hölle, aber nervt mich nicht!

Kann mir bitte irgendjemand erklären, warum am Himmelfahrtstag junge Kerle, die hoffentlich noch keine Väter sind, besoffen über Feldwege torkeln? Ich war heute am frühen Nachmittag gut eineinhalb Stunden bei uns rund ums Dorf spazieren. Dabei sind wir etwa drei Dutzend Vatertagsschnapsleichen begegnet…

Der erste Trupp gar nicht mehr so junger Kerle war noch nett: Mann grüßte freundlich, ein oder zwei Sprüche, vorbei. Die nächsten Jungs waren schon so betrunken, dass ich ihnen am liebsten einen Krankenwagen gerufen hätte. Nachdem sie unfallfrei an uns vorbeigetorkelt waren, habe ich mich gefragt, wer ihnen wohl die Alkoholika organisiert hat, die sie bereits intus hatten – sie waren definitiv nicht alt genug, um im Supermarkt die Passkontrolle zu überstehen.

Je weiter ich mich auf meiner Hunderunde vom Dorf entfernte, desto weniger „Vätern“ begegnete ich. So richtig Kilometer machen die Vatertagswanderer offensichtlich nur aufgrund der Schlangenlinien, auf denen sie sich ab mittags bewegen. Mir soll’s recht sein.

Ansonsten bin ich froh, dass gerade Leinenzwang herrscht. Nicht auszudenken, was sonst auf dem Rückweg hätte passieren können. Als ich zusammen mit Skipper und Grappa auf das größte Saufgelage während meines diesjährigen Hundespaziergangs an Himmelfahrt traf, gingen, nein: wankten, uns gleich zwei Kerle aus der Gruppe entgegen. Dass Skipper ihnen alle Zähne zeigte, schien sie nur zu bestärken in ihrem Wunsch, mein Plüschbällchen zu knuddeln. Grappa hatte in ihren Diva-Modus geschaltet – damit schafft sie es, zwar bewundert, aber nicht sofort von jedem durchgekuschelt zu werden.

Skipper hatte erst ein ansehnliches Repertoire an Beschwichtigungssignalen (Calming Signals) gezeigt. Das probt er seit einigen Tagen immer an der Kuhweide, weil er sich fürchtet, wenn die Kühe angaloppiert kommen. Nun, was soll ich sagen, betrunken torkelnde und laut singende Männer scheinen auf Skipper exakt so zu wirken wie fröhliche Kühe: Erst versucht er, die unheimlichen Wesen zu beschwichtigen. Weil sein Demutsverhalten aber keine Wirkung zeigt, bleibt ihm nur die Wahl zwischen den 5F, den fünf verschiedenen Verhaltensweisen in Konfliktsituationen: Flight – Fight – Freeze – Faint – Flirt  (übersetzt: Abhauen – Angreifen – Angststarre – Abschalten – Albern sein). Skipper ist – angeleint – ein Fighter. Jedenfalls versucht er, das zu signalisieren.

Die beiden kuschelwütigen Kerle erwiderten auf Skippers Knurren und mein „Ich würde mich diesem Hund lieber nicht nähern“ mit einem fröhlich Gelallten: „Warum? Ich beiße doch nicht.“ Schlagfertig, das gebe ich zu. Aber dennoch drehte nur einer bei. Der zweite stand nun direkt vor Skipper, beide Hände ausgefahren… Skipper zeigte Freeze, die Angststarre, und ich, dass ich extrem unhöflich sein kann. Meine genaue Wortwahl sei an dieser Stelle verschwiegen. Die Hände wurden zurückgezogen, eine Kehrtwendung eingeleitet – ich bin immer wieder fasziniert von der Wirkung, die übermäßiger Alkoholgenuss auf die menschliche Bewegungsfähigkeit hat. Und ich bin froh, dass auch dieser Himmelfahrtstag vorbei ist.

P.S. Allen, die sich für das Thema (Aggressions-)Verhalten von Hunden interessieren, sei die Dissertation von Jennifer Hirschfeld empfohlen.

7 Kommentare

  1. Ich bin heute ganz mutig an der Leine und durch den Georgengarten gegangen. Schon an der Wasserkunst (10 Minuten von mir entfernt) wollte ein Vater Spikey mit Frikadellen füttern. Netterweise hat die Frau (ja, es waren ältere Herrschaften – da dürfen wohl die Frauen mit) vorher gefragt, ob er etwas bekommen dürfe. Nachdem ich verneinte und der Mann ihm trotzdem ein Stück hingeworfen hat, war ich erst einmal bedient und bin fluchend von Dannen gezogen.
    Aber abgesehen von den vielen pinkelnden Männern, war dann alles ok. Wir haben sogar noch eine ganz nette Truppe getroffen.

  2. Manche nennen ihn auch „Primatentag“ :-))))

    LG – Heike

  3. Wir sind am „Primatentag“ auch durch zwei Trupps durchgelaufen, wobei ich mir nen Spaß draus mache!

    Wenn betrunkene Jungs mich wegen meines dreibeingen Hundes ansprechen, erwidere ich gerne: Man muß ja schon ganz schön betrunken sein,wenn man dreibeinige Hunde sieht ;-)und laufe weiter…

    Zugegeben: Ich neige ohnehin zu schwarzem Humor ;-)

    Antke

    • Geniale Idee, Antke. Ich werde nächstes Jahr mein Quartett als unter Alkoholeinfluss doppelt erscheinendes Duo ausgeben.

      Übrigens liegen bei uns im Dorf und drumrum lauter zerschlagene Bierflaschen und (halb)leere Chipstüten auf den Wegen und in den Büschen. Das halte ich doch für sehr unnötig.

  4. Hi Inka,

    Hier in Ricklingen ist alles relativ sauber hinterlassen worden. Der zweit Trupp, den wir getroffen haben, konnte kaum noch den Bollerwagen ziehn, aber der war randvoll mit leeren Chipstüten, Grillresten und sonstigem Unrat!

    Zerschlagene Bierflaschen sind mir auch immer ein Graus, ich hoffe ich muß in diesem Leben nicht herausfinden, was passiert, wenn Murphy sich sein heilige Vorderpfote verletzt :-O

    Antke

  5. @Antke, Dein Humor gefällt mir :-)

  6. Heike Fröchtling

    Den „fröhlichen“ Trupps konnte ich zum Glück weitestgehend ausweichen. Zu sehr später Stunde (letzte Pipi-Runde) war ich eigentlich sogar ganz froh, dass sich uns freiwillig keiner zu sehr näherte – die Städter scheinen etwas Respekt vor Hunden zu haben. Aber wie lange hier noch Scherben auf Wegen (okay, die sieht man wenigstens), auf Wiesen und in Büschen liegen werden, entzieht sich erstens meiner Kenntnis und macht mich zweitens ausgesprochen sauer. Ich möchte weder meine Hunde noch meine Kinder verarzten lassen müssen. Und soviel zum Leinenzwang: Meine Hunde richten freilaufend garantiert weniger Schaden an als diese nomadisierenden Vandalen!

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