Wenn Rehe rinnen oder unter Jägern

Normalerweise verbringe ich mein Hundeleben mit zwei Arten von Menschen – mit Menschen, mit denen ich über schrille Wenden und die Vorzüge eines sekundären Bestärkers beim freien Shapen¹) philosophiere, und mit Menschen, mit denen ich über Probleme beim Balancieren, kippende Schafe und OLF-Punkte²) diskutiere. Gestern Abend nun habe ich mir Geschichten vom Ansitzen und Abschwarten und von rinnenden Rehen³) angehört. Ich war – unter Jägern.

Tja, wie gerät ein überzeugter Hütehundhalter, der zudem seit über 25 Jahren Vegetarier ist, unter Jagdhundbesitzer, die allesamt einen Jagdschein haben? Das ist eine andere Geschichte – die Geschichte von Murphy, einem dreibeinigen Border-Collie. Ich erzähle sie ein anderes Mal.

Vom gestrigen Abend nehme ich zwei Erkenntnisse mit. Die erste: Begibt man sich in eine fremde „peer group“, hilft es auch nicht, dass man sich beruflich mit Sprache beschäftigt. Man versteht ganz viel nicht. Einiges lässt sich zwar aus dem Zusammenhang erschließen, aber nicht alles. Bis jetzt nicht verstanden habe ich, wie es passieren kann, dass man als Jungjäger (das sind Jäger in den ersten drei Jahren nach der Jagdprüfung) ein Wildschwein mit einem Igel verwechselt. Das hat aber nichts mit dem Jägerlatein zu tun. Ich werde mich mal auf einen Hochsitz begeben demnächst, um zu überprüfen, ob die Welt vom Ansitz aus wirklich so anders aussieht. Vielleicht heißen Igel im Englischen aber auch tatsächlich deshalb „Heckenschweine“, weil sie so leicht mit (Wild-)Schweinen zu verwechseln sind?!

Die zweite Erkenntnis: Beim Hüten und beim Jagen mit Hunden zu arbeiten, ist sich noch ähnlicher, als ich es ohnehin schon wusste. Wenn ein Border Collie mir die Schafe bringt, zeigt er dabei nahezu alle Teile aus der Jagdsequenz des Wolfes, die nach Ray Coppinger wie folgt aussieht:

Orten – Fixieren – Anpirschen – Hetzen – Packen – Töten – Zerreißen – Fressen

Ein Border Collie ortet, fixiert, pirscht sich an, hetzt (diese Gangart wurde zwecks Viehschonung verlangsamt zu: „treibt“)… Das Packen und Töten fällt dann weg – das überlässt ein braver Border Collie seinem „Leitwolf“. Beim Zerreißen und Fressen ist ein Border Collie dann aber wieder dabei.

Und nun habe ich gelernt, dass auch ein Jagdhund die hoffentlich tödlich getroffene Beute zwar apportieren („packen“) soll, aber ein Tötungsbiss, falls etwa ein getroffener Hase noch lebt, ist unerwünscht. Weil dann das Fleisch nicht mehr schmeckt. Eigentlich logisch, aber das hatte ich mir so noch nicht überlegt. Auch der Jagdhund zeigt also mitnichten immer alle Teile aus der Jagdsequenz des Wolfes. Mmmh.

Sehr sympathisch übrigens fand ich die Antwort auf meine Frage „Werden eure beiden Parson Russell Terrier auch jagdlich geführt?“ (Anmerkung 1: Von der anwesenden Labrador-Hündin wusste ich bereits, dass sie jagdlich geführt wird. Anmerkung 2: Parson Russell Terrier sind Jack Russell Terrier mit langen Beinen und VDH-Papieren.) „Jagdlich geführt? Wir nehmen sie mit zur Jagd.“ Halt, bevor jetzt irgendjemand irgendein blödes Vorurteil gegenüber Jägern bestätigt sieht. Ich hielt Jäger schon bisher für sehr verantwortungsbewusste und naturliebende Menschen – gestern Abend wurde diese Meinung nur mal wieder bestätigt.

Bei den Gesprächen über die Vorzüge und Nachteile des Einsatzes von Vorstehhunden, Retrievern und Terriern bei der Jagd, habe ich doch glatt noch eine neue Rasse kennen gelernt: den Pudelpointer. Ich dachte erst, das sei einer der neuen Designer Dogs wie Labradoodle oder Yorkipoo. Nun weiß ist, dass ein Pudelpointer eine alte Jagdhundrasse ist. Für mich allerdings sieht so ein Pudelpointer einem Deutsch-Drahthaar dann aber doch verdammt ähnlich. Dafür verwechsele ich einen Border Collie nicht mit einem Australian Shepherd.

Waidmannsdank für diesen schönen Abend!

Mit meinen Junghunden (in Anlehnung an „Jungjäger“ nenne ich von nun an die Hunde so, die noch keine drei Jahre bei mir leben) habe ich heute Mittag beim Spaziergang im Saupark eine Menge Rehe gesehen. Aber kein rinnendes.

Hier nun noch die Erklärungen zum Clicker-Latein, zum Koppelgebrauchshund-und-Trial-Jargon sowie zur Jägersprache:

¹) Eine schrille Wende ist eine 180-Grad-Wendung im Dogdance, bei der der Hund einen Slalomschritt unter dem Bein seines Menschen macht und der Mensch sich danach auf der Stelle dreht. Der Clicker ist ein sekundärer Bestärker, denn er muss konditioniert werden – mit dem Klickgeräusch verbindet ein Hund schließlich erst mal nichts. Beim freien Shapen entdeckt der Hund ganz allein, was er tun soll. Der Mensch gibt keinerlei Hilfen.

²) Der Balance-Punkt, den ein Border Collie bei der Arbeit am Vieh einnimmt, ist i.d.R. auf zwölf Uhr, also der dem Menschen gegenüberliegende Platz auf einem gedachten Kreis um das Vieh. Kippende Schafe verlassen die Ideallinie beim Treiben. Die OLF-Punkte sind die Punkte, die es bei einem Trial, Hütewettbewerb, für Outrun (der weite Lauf hinter die Schafe), Lift (das schonende Anbewegen der Schafe) und Fetch (Bringen der Schafe auf gerader Linie) gibt.

³) Ansitzen und Abschwarten müssen wohl kaum erklärt werden. Rinnen bedeutet „langsam und in geringer Menge fließen“. Wenn ein Reh rinnt, dann schwimmt es. Ganz einfach.

4 Kommentare

  1. Und wie wurden die Terrier dort eingesetzt? Zum Sprengen?

    Parson Russell Terrier gibt es übrigens auch
    mit anderen Papieren, als vom VDH ;-)

    Liebe Grüße,
    Jenny

    P. S. Bin auf die Murphy-Geschichte gespannt!

  2. Oh, der dreibeinige Murphy ist doch der aus dem GH-Forum, oder? Ah, ich glaube, mir erschließen sich so langsam Zusammenhänge hier. *lach*

    Übrigens, Jenny hat nicht ganz Unrecht, was die Parsons Russells angeht. Parson Russell werden innerhalb der FCI gezüchtet, und nicht alles, was nach FCI-Standard züchtet, ist auch im VDH. ;)
    Allerdings meint Jenny, glaube ich, auch noch den Parson Jack Russell, der nach dem englischen Originalstandard gezüchtet wird, der aber im Prinzip so aussieht wie der Parson Russell, nur ohne untere Begrenzung der Widerristhöhe. Aber das wird jetzt wahrscheinlich verwirrend. :D

    • Hallo Catharina,

      Jaaa, genau der Murphy! Ein toller Hund.

      Die Sache mit den „Jackies“ ist tatsächlich etwas verwirrend. Ich persönlich nenne sie alle „Jack Russell Terrier“ und unterscheide dann zwischen „mit kurzen Beinen“ und „mit langen Beinen“. Habe aber jetzt noch mal bei Wikipedia nachgelesen…

      Im Fall der erwähnten Parson Russell Terrier weiß ich sehr sicher, dass es wirklich Parson Russell Terrier sind. In der ersten Fassung hatte ich nämlich „Jack Russell Terrier“ geschrieben…;-)

      Viele Grüße, Inka

      P.S. Dein Blog ist schon in meiner Blog-Sammlung aufgenommen. Toll!

  3. Hey Catha, na hast Du auch hierher gefunden :-)

    Ich meinte Ersteres. Schließlich ist Spikey auch ein „richtiger“ Parson Russell Terrier ;-)

    Ansonsten sind bei mir auch alles Jackies ;-)
    Echte oder unechte, mit langen oder krummen Beinen…

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